Lernen muss nicht immer Spaß machen

Mit diesem Satz habe ich mir schon zu Studiumszeiten Feinde gemacht. Es war in einem Pädagogik-Seminar und es ging mal wieder darum, dass jedes Kind dort abzuholen sei, wo es stünde, jeder Lernstoff möglichst jeden denkbaren Lernkanal ansprechen, die Unterrichtsstunde ein Erlebnis und Lernen für die Schüler somit sozusagen ein „positiver Nebeneffekt“ aber auf keinen Fall Anstrengung oder gar Arbeit darstellen dürfe. Man verzeihe mir, dass ich mich nicht mehr an das Seminar erinnern kann, das Studium ist dann ja doch ein paar Jahre her. Dieser Satz jedoch führte nicht nur zu Empörung, er schleicht mir noch immer nach – und zwar bis heute, denn erst jetzt bin ich wieder daran erinnert worden.

Und auch wenn zwischen Unizeit und heute ein paar Jahre liegen, so stehe ich doch noch immer – oder vielleicht sogar noch mehr – hinter diesem Satz. Ich bin fest davon überzeugt, dass Lernen nicht unbedingt Spaß machen muss, ja dass Lernen sogar Arbeit ist und dass man sich (und somit auch Schüler) ab und an zum Lernen zwingen muss.

Hat es uns geschadet?

Beispiele aus meiner eigenen Lernbiographie zeigen, was ich damit meine: Ich bin Musiklehrer und unterrichte dieses Fach mit großer Freude und – so hoffe ich – soviel  Enthusiasmus, dass ein wenig von dieser Begeisterung auf meine Schüler überspringt. Zumindest auf

Quelle: www.uiuiuiuiuiuiui.de

einige von ihnen. Der Grundstein zu diesem Werdegang wurde in meiner Kindheit gelegt – mit Flöten- und Klavierunterricht. Und ich bin ganz ehrlich – ich habe NICHT gerne geübt. Gar nicht. Erst Recht nicht, wenn schönes Wetter war, oder meine Freunde draussen Buden gebaut haben oder ein neues Computerspiel gespielt werden wollte, oder ein bestimmtes BASIC-Programm dringend mit meinem Freund Nils (@nsteenbock) zusammen weiterprogrammiert werden musste.

Haben meine Eltern damals gesagt „Na, gut, wenn Du heute nicht willst, dann kannst Du ja auch morgen üben“? Nein, das haben sie nicht. Sie haben mich zum Üben „gezwungen“, sprich mir wurde deutlich gemacht, dass das Üben zu meinen Pflichten gehört und ich mit Sanktionen (Computerverbot, Ende des Instrumentalunterrichts, generell: Ärger mit meinen Eltern) zu rechnen hätte, würde ich nicht üben. Hat es mir geschadet? Nein – im Gegenteil. Das Ergebnis des von mir als ätzend, blöd, doof und überflüssig empfundenen Übens war, dass ich ab 15 als Kirchenmusiker mein eigenes Geld verdiente, als Chorleiter meinen Weg in Richtung Musiklehrer ebnen konnte und heute glücklich bin, das beste Fach der Welt unterrichten zu dürfen.

Lernen, sprich „Üben“, hat mir dabei nicht immer Spaß gemacht und ich bin auch nicht gefragt worden, ob ich denn nun momentan wirklich gerne üben würde. Nach erfolgtem Lernen zu sehen, welche Früchte ich durch die Arbeit ernten konnte, hat sehr wohl Spaß gemacht und diese Erfahrungen möchte ich auf keinen Fall missen. Aber sind wir mal ehrlich, hätten meine Eltern mir damals gesagt „Wenn Du jetzt übst, kannst Du später mal Geld damit verdienen / Musiklehrer werden / … “ – ich hätte es ihnen weder geglaubt, noch hätte es an meiner Motivationslage etwas geändert.

Ich kann auch nicht behaupten, dass das Lesen und Analysieren von gefühlten 20m Bücherregal an englischer und amerikanischer Literatur für das Englischstudium mir Spaß gemacht hätten – es hat aber auch niemand versucht, diese Arbeit als besonders spaßig zu verkaufen. Sie musste getan werden, denn sonst hätte ich meinen Abschluss nicht geschafft.  Tja – und im Endeffekt bin ich froh, so viele Bücher gelesen zu haben, heute zu vielen Autoren etwas zu wissen und ein einigermaßen breit angelegtes Wissen in Sachen Textanalyse zu besitzen.

Erneut stelle ich fest, dass das Lernen an sich hier nicht spaßig war – wohl aber die Erkenntnis, mit dem Gelernten viel anfangen zu können.

Kindertyrannen beim Psychiater

Dieses Wochenende habe ich angefangen, das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit“ zu lesen. Der Autor beschreibt darin meiner Meinung nach recht deutlich die Krux, die wir heute mit vielen Schülerinnen und Schülern erleben: Sie erwarten, dass alles Spaß macht – was keinen Spaß macht, wird eben nicht gemacht, dazu können sie sich nämlich nicht motivieren.

Folgt man dem Autor, der viele Familien – auch und gerade aus der gut situierten Mittelschicht – betreut, erziehen viele Eltern ihren Kindern (unbewusst und in der Überzeugung, eigentlich nur Gutes zu tun) diese Haltung an, indem sie sie zu gleichberechtigten Partnern (die eigentlich alles irgendwie mitbestimmen dürfen, von der Kleidung über das Mittagessen bis hin zum Urlaubsziel) oder zu Freunden (denen gegenüber man nicht weisungsbefugt ist) machen – und den Kindern somit ihre Kindheit und das Recht auf Fremdbestimmung (klingt komisch, gibt aber Sinn) nehmen. Wie sollen Kinder denn bei allem mitbestimmen dürfen, wenn sie, aufgrund der Tatsache dass sie eben, und das völlig zu Recht, noch Kinder sind, die Konsequenzen ihrer Entscheidungen gar nicht einschätzen können.

Die Frage ist nicht, ob ein Kind bei Familienentscheidungen mitbestimmen möchte – das möchte es ganz bestimmt, denn das klingt nach Macht. Die Frage sollte vielmehr sein, ob wir Kinder nicht völlig überfordern, wenn wir ihnen zumuten, überall mitbestimmen zu müssen.

Müssen wir uns wirklich wundern, wenn die Sechsjährige, die, sobald sie reden konnte, morgens mitentscheiden durfte, was sie anzieht, zur Konfirmation des großen Bruders eben NICHT das weiße Kleid anziehen möchte und wenn sie irgendwie so gar keine Lust hat, einen Arbeitsauftrag in der Schule zu erfüllen?


Also Rohrstock und Nürnberger Trichter?

Quelle: www.brainworker.ch

Nein, natürlich nicht. Ich bin ganz klar dafür, sinnstiftend zu lernen und zu unterrichten und den Schülern deutlich zu machen, warum und wozu sie bestimmte Dinge im Unterricht tun. Anknüpfungspunkte an der Lebenswirklichkeit der Schüler sind das A und O, um die Schüler zu erreichen. Wobei ich bezweifle, dass 30 verschiedene Schüler und somit 30 verschiedene Persönlichkeiten den gleichen Anknüpfungspunkt bieten – ebenso wie ich bezweifle, dass irgendein Kollege es schafft, einen Lerninhalt mit 30 verschiedenen Anknüpfungspunkten zu versehen ;-)

Aber es gibt Dinge, die nicht diskutiert werden können – der Ablativ muss im Lateinischen ebenso gelernt werden wie die indirekte Rede im Englischen; und wer in der Oberstufe einen Musikkurs besucht, der zum Zentralabitur in NRW führt, der muss in der Lage sein, Violin- und Bassschlüssel zu lesen. Wer das nicht will, weil es ihm keinen Spaß macht, der muss das tatsächlich nicht. Dann sollte er aber auch davon Abstand nehmen, das Abitur erlangen zu wollen. Ich hätte auch nicht Klavierüben oder Bücher lesen müssen. Dann wäre ich aber heute weder Musik- noch Englischlehrer.

Ich halte es gerne mit dem Choreographen Royston Maldoom, der im Film Rhythm is it an einer Stelle über die Schüler, die sich schlecht konzentrieren können und den Fortbestand des Tanzprojektes gefährden, sagt: „Es gehört offensichtlich nicht zum Erfahrungsschatz dieser Kinder, dass man, wenn man etwas erreichen will, dafür auch arbeiten muss.“

Verwehren wir unseren Kindern diese Erfahrung nicht – Lernen muss nicht immer Spaß machen, es darf auch mal anstrengend sein.

  1. sdorok
    sdorok25. Mai 2010

    [Neuer Blogeintrag] Lernen muss nicht immer Spaß machen | http://www.schulblogger.de/lernen-muss-n… #fb

  2. Andreas Kalt
    Andreas Kalt25. Mai 2010

    Danke für den treffenden Beitrag – ich stimme vollkommen zu.

  3. Michael Fromm
    Michael Fromm25. Mai 2010

    Schön, dass das mal die Leute aus’m Leben sagen. Umgekehrt ist’s nämlich im Vorbereitungsdienst sehr oft so, dass in der Uneinsichtigkeit Sätze formuliert werden wie: „Ihre Kritik verstehe ich nicht … den Kindern hat’s doch Spaß gemacht …“

    Dort steht dann gerne das Gegenargument „Den Kindern macht’s aber auch Spaß, wenn man den Unterricht abbricht und statt dessen ins Kino/Schwimmbad oder nachhause geht …“

    Professor Crey formulierte es so: „Mät der Schoole äst äs wie mäd där Mädäzin: Sie moss bätter schmecken, sonst wärkt sä näscht!“

    Und vielleicht liegt die Wahrheit viel näher an Creyscher Philosophie und ist sogar noch vielmehr Freinet, Montessori oder Neill, als sie im Schuldienst so gerne falsch verstanden wird, denn: „Hilf mir es selbst zu tun“ impliziert ja Handlung – und die hat in der Regel auch Routinen, Rituale und somit auch Dinge, die dem einen oder anderen nicht passen.

    Ich weigere mich auch strikt gegen die Kuschel- und Freudenpädagogik, gemäß dem Motto: es muss Spaß machen, denn als Musiker weiß ich eines: Einen Scheiß macht Üben Spaß! Kein Schwein hat Spaß an Solfèges, an geübten Pattern, an Licks, an Geläufigkeit … und jeder weiß: ohne den Krempel läuft’s halt nicht.

    Nein, Lernen muss nicht Spaß machen … aber Lernen soll so verinnerlicht sein, dass der Gedanke an den sich abzeichnenden, in Zukunft zu verzeichnenden Erfolg Freude bringt, also die Einsicht in die Notwendigkeit von harten Strecken und Durstphasen. Und das rüberzubringen, Kollegen, ist unser Job. Und dazu müssen wir weder kuscheln noch Bilder laminieren, keine Bonbons austeilen und auch keine gruppendynamischen Spielchen auf’s Geratewohl organisieren.

    Dafür langt doch schon das Vorleben – oder?

  4. Stef
    Stef25. Mai 2010

    Hallo Sebastian,
    das hast Du schön geschrieben!
    Es geht bzw. ging mir genauso. Ich musste viel lernen und es hat oft keinen Spaß gemacht!
    Aber meine Absicht etwas an zu fangen, z.B. mein Studium, und dann viele lästige Seminare zu überstehen, war nicht immer einfach. Meine grundsätzliche Motivation blieb jedoch und die hat mich immer wieder auf gefangen.
    Also sollten wir lediglich die SchülerInnen an das wieso/warum erinnern und das es leider manchmal einen langen Weg bedeutet, der nicht immer Spaß macht, um ans Ziel zu kommen.
    Mir hat es Spaß gemacht Deinen Beitrag zu lesen und mich in die eigene Schulzeit zurück gebracht, danke :-)

  5. Miriam
    Miriam25. Mai 2010

    Danke für den Beitrag! Ich gehe zum Großteil d’accord. Dieses Verwaldorfte widerstrebt mir. Trotzdem versuche ich, die Kinder täglich zu motivieren, da ich auch dieses „zum Glück gezwungen“ nicht ohne Einsprüche absegnen würde. Dafür kenne ich zu viele (Lern-)Biographien.
    Selbstbewusstsein stärken, Arbeit am Durchhaltevermögen, das ist auch Teil des pädagogischen Auftrags.

  6. Sebastian Dorok
    Sebastian Dorok26. Mai 2010

    Da hast Du absolut recht. Aber an den Punkt „Arbeit am Durchhaltevermögen“ kommt man doch eigentlich nur dann, wenn man den Schritt, den ich beschreibe (nämlich jemanden zu „zwingen“ etwas zu tun, dass ihm/ihr keinen Spaß macht) schon getan hat, oder? erst dann komme ich doch in die Situation, Durchhaltevermögen zu brauchen. Wenn ich nur das mache, was mir Spaß macht, werde ich Durchhaltevermögen gar nicht brauchen.

  7. Pedro
    Pedro30. April 2011

    Es ist schön zu hören, dass Sie TROTZ erzwungenen Übens etwas sinnvolles gelernt haben und davon profitieren können.

    Im Großen und Ganzen ist Ihre Argumentation (und auch die von anderen hier Kommentiernden) allerdings eher schwach.
    Als Musiklehrer werden Sie ja wissen, dass „Üben“ heute sehr viel kindgerechter und motivierender von statten gehen kann als wahrscheinlich zu Ihrer Zeit. Ich kann mir vorstellen, dass die Wahl zwischen „Buden bauen“ und angemessen gestaltetem Üben schwerer fällt als die zwischen „Buden bauen“ und stur Tonleitern pauken.
    Der Grundsatz „Lernen muss Spaß machen“ heißt im Übrigen auch nicht, dass man ohne Spaß nichts lernt – nur MIT Spaß lernt man besser, das ist neurodidaktisch (also wissenschaftlich, und nicht aus dem Bauch heraus, wie hier in Ihrem Blog) erwiesen.
    Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass Ihre Pädagogikseminare einiges zu wünschen übrig ließen, sonst wären Sie vielleicht etwas offener für neuere Ansätze und weniger geneigt, aus welchen Gründen auch immer, Allgemeinplätze vorzutragen, um neuen pädagogische Erkenntnisse in Zweifel zu ziehen.

  8. Sebastian Dorok
    Sebastian Dorok30. April 2011

    Lieber Pedro,

    es geht hier nicht primär um Formen des motivierenden Übens im Instrumentalunterricht, sondern um die landläufig vorherrschende Prämisse, dass Lernen immer(!) Spaß machen müsse(!).

    Wie oft hört man als Lehrer auf Elternsprechtagen als Argument für schwache Leistungen: „Ja, das macht XY ja auch keinen Spaß.“

    Dass man Dinge, die einem Spaß machen, leichter und schneller lernt, will ich gar nicht abstreiten. Ich wehre mich mit meinem Artikel (der übrigens keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit legt, sondern meine ganz persönlichen Eindrücke und meine Meinung wider gibt) aber gegen die Einstellung, dass Lernen IMMER Spaß machen MUSS.

    Es gibt aber auch Dinge, die man erlernen MUSS, bei denen es vollkommen egal ist, ob sie einem Spaß machen oder nicht. Wer Autofahren möchte, muss einen Führerschein machen und dazu diverse Regeln und Verfahrensweisen erlernen. Ob mir das Spaß macht oder nicht ist doch zweitrangig.

    Bezüglich meiner Pädagogik- und Didaktikseminare haben Sie im Bezug auf mangelnde Qualität sicherlich recht. Das liegt aber daran, dass diese von Menschen gehalten wurden, die niemals oder nur sehr kurz eine Schule von Seiten des Lehrerpultes aus von innen gesehen hatten.

    Was meine Offenheit gegenüber neuen Ansätzen angeht: Seien Sie sicher, dass ich – schon aufgrund meiner Tätigkeit als Fachleiter – diesen Ansätzen offen gegenüber stehe.

    Aber nur solange bis ich sie in der Praxis getestet habe. Das bedeutet: Mit 30 Kindern, von denen ein guter Teil ein Gymnasium besucht, obwohl sie eine Realschul- oder Hauptschulempfehlung erhalten haben in einem zu kleinen Klassenraum, mit teils mangelhafter Ausstattung und mit dem Druck durch verkürzte Schulzeit, zentrale Prüfungen und Zentralabitur im Nacken.

    Jeder neue Ansatz, der in dieser Praxissituation durchhält, ist mir willkommen und gerne genommen.