Klangkompensator: meine Selbstlernmodule als offenes Experiment
Vor ein paar Tagen habe ich hier beschrieben, wie ich mit KI-Hilfe eigene Selbstlernmodule für den Musikunterricht gebaut habe. Die Adressen auf den Bildern waren unkenntlich gemacht, einen Link gab es nicht – die Plattform ist für meinen eigenen Unterricht gedacht und bleibt intern.
Inzwischen habe ich mich entschieden, einen Teil dieser Werkzeuge frei zur Verfügung zu stellen: als abgespeckte Fassung unter klangkompensator.de. Über dreißig Module sind dabei – vom Notenlernen über den eigenen Song bis zur Selbstlerneinheit über Zwölftonmusik.
Klangkompensator?
Der Klangkompensator enthält die Module, die sich ohne Login nutzen lassen: Werkzeuge zum Üben, zum Ausprobieren und Selbermachen und eine ganze Reihe von Selbstlerneinheiten. Jede Einheit nennt auf ihrer Startseite in einem Kasten „Bezug zum Lehrplan“ das Inhaltsfeld, den Schwerpunkt und die Kompetenzerwartungen des Kernlehrplans Musik im Wortlaut.
Bewusst fehlt alles, was in meiner privaten Unterrichtsfassung mit den Schülerinnen und Schülern selbst zu tun hat: Es gibt keine Anmeldung, keinen Lehrerzugang mit dem Lernfortschritt der Kinder und keine Prüfungsmodule. Das kann und will ich nicht für die breite Öffentlichkeit anbieten, da ich nicht leisten kann, für unterschiedliche Schulen und/oder Kolleginnen und Kollegen hier Logins zu verwalten. Was man im Klangkompensator erarbeitet, bleibt daher auf dem eigenen Gerät; auf dem Server wird nichts gespeichert. Hörbeispiele geschützter Werke kommen als eingebettete Videos offizieller YouTube-Kanäle und laden erst nach einem Klick, der darüber informiert, dass hier jetzt YouTube und damit Cookies und amerikanische Server ins Spiel kommen.
Ein paar Module im Einzelnen
Die Musiktheorie ist das Werkzeug, das ich mit als erstes gebaut habe: Noten im Violin- und Bassschlüssel, die Klaviatur darunter, dazu Rhythmus, Intervalle, Akkorde, Kadenz und Blues – jeweils mit Erklärung und Übung, die sofort zurückmeldet, ob es stimmt.
Im Erlkönig lesen die Kinder Goethes Ballade und lassen sie sich vorlesen, verfolgen Schuberts Lied mit, hören, wie ein Sänger vier Rollen gestaltet, vergleichen drei Vertonungen – und bauen am Ende selbst ein Melodram.
Der Tanzboden ist für die Unterstufe gedacht: den Puls mitgehen, Marsch, Walzer und Polka unterscheiden, den Auftakt hören und eine eigene Choreografie bauen. Die Musik dazu erzeugt die Seite selbst. Aus meiner Sicht eines der schwächeren Module, die KI hat sich mit den Bewegungen der Figuren wirklich sehr schwer getan. Aber hier sollen ja nicht nur Möglichkeiten sondern auch Grenzen gezeigt werden...
In der Song-Werkstatt, ebenfalls für die Unterstufe, geht es darum, wie ein Song gebaut ist: Strophe, Refrain und Hook, wie Text und Musik zusammenpassen, dazu Lieder aus Japan, Frankreich, den USA und Schottland. Am Ende steht ein eigener Song als MP3 und Liedblatt.
Der Proberaum ist eine Band zum Mitspielen: Stil und Akkorde wählen, Boomwhacker, Keyboard, Bass, Cajón, Bodypercussion und Gitarre zusammenstellen – und selbst mitspielen, mit großen Griffbildern in drei Schwierigkeitsstufen.
In der Cover-Werkstatt liegt eine Kassette mit Seite A und Seite B: Original und Bearbeitung im Vergleich, die Frage, warum man covert und was dabei erlaubt ist – und am Ende ein eigenes Cover als MP3.
Für die Mittelstufe gibt es das HipHop Lab: Was ist HipHop, was ist Rap, was macht Conscious Rap aus, wie funktioniert Sampling – und am Ende entsteht ein eigener Song in GarageBand. Das Modul basiert auf den bei der QUA-LiS verfügbaren Materialien zum "Conscious Rap" aus dem Modul "Digiales Arbeiten im Musikunterricht".
Bei den Komponisten-Detektiven lösen die Kinder vier Fälle um Händel, Vivaldi, Haydn und Beethoven: Beweisstücke anhören, Quellen prüfen, Legenden als solche entlarven.
Und im musikalischen Würfelspiel würfelt man wie 1792 sechzehn Takte aus, hört das eigene Menuett, liest die Noten dazu – und versteht, warum dabei nie Unsinn herauskommt. Texte und Aufgaben lassen sich auf Klasse 5–6, 7–10 oder die Oberstufe umstellen.
Ein großes Experiment
Ich möchte ausdrücklich sagen, dass der Klangkompensator ein großes Experiment ist – mit Selbstlernmodulen, die mit Hilfe der KI entstanden sind. In meinem Unterricht sind sie zum Beispiel für Vertretungsstunden gedacht – damit sich die Kinder auch dann sinnvoll mit Themen aus dem Kernlehrplan auseinandersetzen können, wenn ich nicht da bin und fachfremd vertreten werden muss.
Der Klangkompensator ist dabei eine eingefrorene Fassung, in der Funktonalität gegenüber dem Original reduziert: Er bleibt so, wie er ist, während ich meine Unterrichtsfassung weiterbaue. Fehler kann es durchaus geben, mir fehlen aber die Ressourcen, sowohl meine interne Fassunga als auch diese öffentliche Version parallel zu pflegen. Mir geht es um einen Proof of Concept. Ich möchte sehen, wie gut solche digitalen Lernmodule auf den iPads der Kinder funktionieren und wie die Schülerinnen und Schüler mit der Möglichkeit zurechtkommen, selbst zu wählen, woran sie arbeiten und in welcher Reihenfolge. Konkret im Unterricht eingesetzt habe ich bisher meine Version vom "Erlkönig", "Programmmusik" sowie "Hip Hop Lab". Alle drei mit großem Erfolg und hoher Motivation bei den Kids - die mir teilweise sogar Änderungs- und Verbesserungswünsche geliefert haben.
Was die KI kann – und wo Grenzen sind
Zu Studienzeiten habe ich eine kleine Webdesignfirma betrieben. HTML, CSS und JavaScript sind mir also nicht fremd. Trotzdem hätte ich Module in dieser Komplexität nicht alleine bauen können – und schon gar nicht in nur etwa acht Wochen. Klangerzeugung im Browser, Notensatz, Aufnahmen, MP3-Export, Übungen mit Rückmeldung: Das ist weit mehr, als ich selbst hätte programmieren können.
Ebenso deutlich muss ich aber sagen: Die KI baut selten auf Anhieb perfekt. Ich habe jede Einheit selbst durchgespielt, und es waren eine Menge Feinarbeiten und Verbesserungen nötig, bis ein Modul so war, wie ich es im Unterricht haben möchte - und an manchen Stellen sind noch immer Fehler. Es ist also definitiv nicht so, dass ich einen Prompt absetze, Kaffee trinken gehe und danach ist ein Modul fertig. Es ist sogar erstaunlich, wie oft bestimmte Fehler sich wiederholen - man sollte ja meinen, der KI-Knecht "merkt" sich Dinge. Offensichtlich tut er das nicht und schon gar nicht automatisch...
Erste Erfahrungen
Die Tests mit Schülerinnen und Schülern aus den Stufen 6, 7 und 9 sind bisher durch die Bank weg positiv verlaufen, die SuS haben aber auch Verbesserungsvorschläge gemacht und mir aus ihrer Sicht gesagt, was fehlt, was sie anders erwartet hätten - und sogar, wo sie die Fragen/Rätsel zu leicht fanden ;-)
Ausprobieren
Wer mag, kann die Module selbst ausprobieren – gedacht sind sie in der Regel für das iPad im Querformat, mit Kopfhörern. Der klangkompensator ist dabei eine eingefrorene Version der eigentlichen Seite, es fehlen einige Module und Funktionen, die ich nicht ohne weiteres öffentlich anbieten kann ohne dann direkt über Anmeldungen, Logins, Passwörter etc. nachdenken und verwalten zu müssen. Nehmt die Module gerne als Anregung und baut selbst - so wie ich mich von einem Ex-LAA zum Computerspielmodul habe inspirieren lassen...