Mit KI-Hilfe zu eigenen Selbstlernmodulen für den Musikunterricht
Nach dem Umbau der Webseite gibt es hier gleich noch etwas Neues – und zwar etwas, das sich nach langer Zeit endlich auch wieder ganz konkret mit Musikunterricht beschäftigt.
Wer hier schon länger mitliest, weiß: Dieser Blog ist kein Ort für unkritische Technikbegeisterung. Zuletzt hat sich Thomas Lange in seinem Gastbeitrag „Künstliche Intelligenz oder Kollateraler Irrsinn?“ ausführlich und zu Recht kritisch mit dem Thema KI auseinandergesetzt. Und dabei bleibt es auch: Eine KI, die sich ein 19. Kapitel zu einem Buch ausdenkt, das nur 18 hat, ist kein Ersatz für eigenes Denken.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – möchte ich heute von etwas berichten, das mich in den letzten Wochen ziemlich begeistert hat. Denn auch wenn hier durchaus KI-kritische Texte veröffentlicht worden sind: Mit Hilfe der KI lässt sich durchaus einiges für den Unterricht bewerkstelligen.
Was entstanden ist
Seit Mitte September habe ich zusammen mit Claude, einer KI des Unternehmens Anthropic, eine ganze Sammlung interaktiver Selbstlernmodule für meinen Musikunterricht gebaut. Inzwischen sind es über dreißig Bausteine – von kleinen Übungswerkzeugen bis zu umfangreichen Selbstlerneinheiten mit mehreren Kapiteln:
- Werkzeuge zum Üben – Musiktheorie mit Notensystem und Klaviatur, Rhythmussprache, Intervalle, Akkorde, Kadenz und Blues
- Selbstlerneinheiten – zum Beispiel ein Blues Lab und ein HipHop Lab bis zum eigenen Song, „Musik und Bühne“ vor dem Theaterbesuch, ein Filmmusik-Labor, Musik in der Werbung oder eine Pop-Zeitreise
- Zum Ausprobieren und Selbermachen – ein Klangtisch mit Instrumenten zum Antippen, ein Synthesizer zum „Aufschrauben“, Mozarts musikalisches Würfelspiel, Zwölftonreihen zum Spiegeln und Umkehren
- Für mich als Lehrer – einen Lehrerzugang mit einer Übersicht, wie weit jedes Kind (unter seinem Code) in den Modulen ist, dazu Tests und Vertretungsaufgaben
Wichtig war mir dabei von Anfang an: Das sind keine netten Spielereien neben dem eigentlichen Unterricht. Alle Module sind direkt an die Kompetenzerwartungen des Kernlehrplans Musik (Sekundarstufe I, Gymnasium NRW) angebunden. Jedes Modul nennt in einem eigenen Kasten das Inhaltsfeld, den Schwerpunkt und die Kompetenzerwartungen, die es bedient – im Wortlaut des Lehrplans, aufgeteilt nach Rezeption, Produktion und Reflexion.
Manche Module sind außerdem direkt aus den öffentlich zugänglichen Materialien der QUA-LiS NRW entstanden. Im Lehrplannavigator zum Kernlehrplan Musik stellt die QUA-LiS Beispiele für konkretisierte Unterrichtsvorhaben bereit. Daraus sind zum Beispiel entstanden:
- das Hörtagebuch aus dem Unterrichtsvorhaben „Überall Musik – Gestaltung von Musik für öffentliche Räume“ (UV 6.1): Die Kinder nehmen Musik im Alltag auf, beschreiben sie und entwerfen als Sounddesigner Musik für öffentliche Gebäude,
- das HipHop Lab aus dem Unterrichtsvorhaben „Rap als Sprachrohr jugendspezifischer Themen und politischer Botschaften“ (UV 8.2) – von den Grundlagen bis zum eigenen Song,
- und auch das Blues Lab greift mit seinem Bewertungsbogen das Unterrichtsvorhaben „Ein zentrales ‚Gen‘ populärer Musik – Der Blues“ (UV 7.2) auf.
Was dort als Arbeitsblätter und Vorlagen für die Arbeit mit dem Tablet angelegt ist, läuft jetzt als zusammenhängende Lerneinheit direkt im Browser – mit Hörbeispielen, Aufgaben, Rückmeldungen und Speicherstand.




Die Schülerinnen und Schüler arbeiten mit iPads und Kopfhörern. Sie melden sich nicht mit ihrem Namen an, sondern mit einem selbst ausgedachten Fantasie-Code – so wird ihr Fortschritt gespeichert, ohne dass personenbezogene Daten anfallen. Hörbeispiele und Videos liegen weitgehend auf dem eigenen Server statt bei YouTube: keine Werbung, kein Tracking durch Dritte, kein „nächstes Video“, das plötzlich mit ganz anderen Dingen lockt. Und weil die Plattform ausschließlich für meinen eigenen Unterricht gedacht und passwortgeschützt ist, gibt es hier – um Verständnis bitte ich – keinen Link.
Die Klassiker – neu aufbereitet
Es sind nicht nur Spiel- und Klangwerkzeuge entstanden. Viele Module greifen Themen auf, die Kolleginnen und Kollegen aus ihrem eigenen Unterricht kennen – nur eben als Lernumgebung, in der die Schülerinnen und Schüler selbst hören, vergleichen und gestalten.
Im Erlkönig lesen sie Goethes Ballade und lassen sie sich vorlesen, verfolgen Schuberts Lied mit, hören, wie ein Sänger vier Rollen gestaltet, vergleichen drei Vertonungen – und vertonen am Ende selbst.

In „Kauf mich!“ geht es um Musik in der Werbung: derselbe Spot mit anderer Musik, AIDA, Jingle und Sound-Logo, Zielgruppen, GEMA und Urheberrecht – und am Schluss ein eigener Werbespot.

Digitalisierung neu gedacht
Seit vielen Jahren schreibe ich hier über Computer im Musikunterricht. Und lange Zeit bedeutete „Digitalisierung“ in der Schule vor allem: das Arbeitsblatt als PDF auf dem Tablet. Das ist bequemer, aber didaktisch nicht viel mehr als vorher.
Diese Module denken die Digitalisierung noch einmal neu. Sie sind nicht das Schulbuch auf dem Bildschirm, sondern Lernumgebungen, in denen man hört, ausprobiert und selbst gestaltet: den Vorhang öffnen und hören, wie Musik eine Szene verändert, einen Filter aufdrehen und sehen, was mit der Schwingung passiert, ein Menuett erwürfeln und anschließend verstehen, warum dabei nie Unsinn herauskommt.

Selbstlernen und selbstreguliertes Lernen
Das Spannendste für mich ist aber, was im Klassenraum passiert: Selbstlernen und selbstreguliertes Lernen werden tatsächlich möglich. Jede Schülerin und jeder Schüler arbeitet im eigenen Tempo, wählt den passenden Schwierigkeitsgrad, bekommt sofort Rückmeldung, kann Kapitel wiederholen und sieht, wie weit sie oder er schon gekommen ist. Wer schneller ist, findet Vertiefungen; wer mehr Zeit braucht, bekommt sie – ohne dass die ganze Klasse warten muss.
Und das ist keine Theorie mehr: Die ersten Module habe ich bereits erfolgreich im Unterricht eingesetzt – und die Schülerinnen und Schüler haben sie als motivierend empfunden. Genau darum geht es ja.
Das verändert auch meine Rolle: Ich stehe weniger vorne und erkläre allen gleichzeitig dasselbe, sondern gehe herum, höre zu, helfe gezielt und habe Zeit für Gespräche über Musik.

Und welche Rolle spielt die KI dabei?
Programmieren konnte ich solche Anwendungen in diesem Umfang nicht – und schon gar nicht neben einer vollen Stelle. Genau hier hilft die KI: Ich beschreibe, was entstehen soll, und Claude setzt es um, schreibt den Code, baut Übungen, Klangerzeugung und Oberflächen. Was das Ganze trotzdem zu meinem Unterricht macht, kommt nicht aus der Maschine: Welche Inhalte, in welcher Reihenfolge, für welche Klasse, mit welchen Aufgaben und welchem Anspruch – das sind didaktische Entscheidungen, und die bleiben bei mir. Ich probiere jede Einheit selbst aus, korrigiere, verwerfe und lasse nachbessern. Fehler macht die KI dabei durchaus, und sie bemerkt sie nicht immer selbst. Man muss also wissen, was man will, und genau hinschauen.
Spannend ist auch, was daraus in der Ausbildung entsteht: Einer meiner Lehramtsanwärter hat in seiner Examensprüfung selbst eine KI-generierte Lernumgebung eingesetzt. Auf der Grundlage seiner Arbeiten ist dann mein Modul zur Computerspielmusik entstanden – „Level Up“, mit Loops, Jingles, adaptiver Musik, die auf das Spielgeschehen reagiert, und am Ende einem eigenen Soundtrack. Er wiederum hat sich von meinen Theorie-Modulen inspirieren lassen und sie in seine eigene Lernumgebung eingebaut – allerdings arbeitet er mit dem neuesten Modell von ChatGPT. So lernen Ausbilder und Auszubildende gegenseitig voneinander, und am Ende profitieren die Schülerinnen und Schüler davon.

So betrachtet ist die KI für mich kein Ersatz für Fachwissen und Unterrichtserfahrung, sondern ein Werkzeug, mit dem man beides in etwas umsetzen kann, das vorher schlicht außer Reichweite lag.

Noch viel größer: der Musikbaumeister
Ich bin mit solchen Ideen übrigens nicht allein. Mein Freund und Kollege Michael Fromm hat für den Musikunterricht in der Grundschule noch viel Größeres geschaffen: den Musikbaumeister – Lernspiele in Minecraft-Optik zu Rhythmussprache, relativer Solmisation und Ukulele, mit animierten Arrangements, Orchesterwerken und allem, was Gamification ausmacht: Belohnungen, die man sich verdienen kann, Escape- und Wimmelbildspiele. Wie es dazu kam und was man dort alles findet, hat Michael auf seinem Blog beschrieben: Der Musikbaumeister ist online! Unbedingt anschauen!


Fazit
Kritisch bleiben, genau hinschauen, die eigene Verantwortung nicht abgeben – das gilt für KI mehr denn je. Aber wer weiß, was er im Unterricht erreichen möchte, bekommt mit ihr ein Werkzeug an die Hand, mit dem sich Ideen verwirklichen lassen, für die früher ein ganzes Entwicklerteam nötig gewesen wäre. Ein solches Team hätte ich allerdings nie beauftragen, geschweige denn bezahlen können – weggenommen habe ich also niemandem einen Job. Ich habe mir lediglich selbst die Werkzeuge gebaut, die ich so an keiner Stelle gefunden habe, auch nicht bei den Schulbuchverlagen. Für meinen Musikunterricht ist das ein echter Gewinn – und für meine Schülerinnen und Schüler hoffentlich auch.