Netzpolitik, ACTA, Copyright und so
Ich gebe zu, dass ich mich nicht wirklich um ACTA gekümmert habe, zumal mir auch „Netzpolitik“ irgendwie nicht geheuer ist, ich habe immer so ein ganz leichtes Bauchgrummeln, weil ich das Gefühl habe, dass diese ganze Bloggo-, Twitter-, Podcastosphäre eigentlich eh nur ein paar wenige tausend wirklich interessiert. Sei’s drum, in den letzten Wochen hatte ich zu viel um die Ohren, als dass ich RSS-Feeds und Twitter großartig hätte verfolgen können, ja sämtliche Twitterclients waren sogar 14 Tage lang komplett geschlossen – hat mir gar nicht gefehlt, aber das ist ein anderes Thema. Da wir gestern nach Dortmund ins Theater wollten, bin ich über die Anti-ACTA-Demo in Dortmund gestoßen und habe dann doch mal ein bisschen nachgelesen. Plakativ gesagt: Böse scheint es zu sein, das ACTA-Abkommen. Denn es geht um unter anderem um Copyright und darum, dass Copyrightverstöße nach ACTA auch international verfolgt werden können und das schränkt die Freiheit im Internet ein und so. Und deshalb setzten sich am vergangenen Wochenende etliche Menschen Anonymousmasken auf und demonstrierten. Gegen ACTA.
Ich zitiere einfach mal von www.zeit.de
Kritiker fürchten, dass mit ACTA künftig Telekommunikationsanbieter gezwungen werden könnten, die Inhalte, die über ihre Leitungen gehen, zu durchsuchen, um beispielsweise Filesharer zu finden – was nach Ansicht der Gegner bedeutete, dass über einen Umweg Netzsperren eingeführt würden. Außerdem gehen die darin enthaltenen Pläne teilweise weit über das in der EU rechtlich Erlaubte hinaus. So gebe es darin Klauseln, die vorsehen, auf der Suche nach illegalen Musikdateien an den EU-Grenzen beispielsweise Reisende zu durchsuchen und Laptops oder MP3-Player zu konfiszieren.
Mhmm. Ja, es ist mir schon klar, dass es derzeit en vogue ist, gegen so etwas zu sein. Das Netz soll frei sein und jeder, der im Netz agiert, soll auch frei sein und Verlage und die Musikbranche und die Filmbranche, die sind alle böse und verdienen sich ja sowieso eine goldene Nase und überhaupt ist das ja alles nicht fair und so.
Komischerweise fällt es mir zunehmend schwer, mich zu entscheiden, auf welcher Seite ich in diesen Fragen stehe.
Geld für geistige Arbeit
Auf der einen Seite finde ich Dinge wie den sprichwörtlich gewordenen Schultrojaner abstrus und freiheitlich-demokratische Grundrechte sind mir ein hohes Gut auf der anderen Seite finde ich, dass man eben auch geistiges Eigentum stehlen kann, dass das kein Kavaliersdelikt ist und als Autor oder Herausgeber bin ich froh, wenn mir meine kreative Arbeit am Schreibtisch auch entlohnt wird – auch wenn ich damit niemals reich werde. Wenn jemand mein Auto aufbricht, es stiehlt und damit versucht über die Grenze zu kommen, bin ich ja auch froh, wenn die Polizei nach meinem Auto fahndet und es mir evtl. wieder zurückbringen kann. Warum sollte man also nicht auch geistiges Eigentum entsprechend schützen?

Natürlich weiß ich, dass all die ganzen Internetaktivisten nicht alle gleichzusetzen sind mit Raubkopieren – das ist BILD-Niveau, bestenfalls. Dennoch sträube ich mich dagegen, dass sämtliche Kulturerzeugnisse auf einmal kostenlos zu haben sein sollen, nur weil das Internet es möglich macht. Ich weiß, wie viel Arbeit z.B. in einer ordentlichen Audioaufnahme steckt und auch wenn der musikalische Wert von Chartmusik sicherlich verschwindend gering sein mag, so muss das ja doch alles irgendwo aufgezeichnet, bearbeitet, instrumentiert, gemastert und gepresst werden. Ich finde, die Menschen, deren Beruf es ist, Musik zu produzieren, sollten dafür auch Geld bekommen.
Es gibt ja schließlich auch Menschen, deren Beruf es ist, Kleidung herzustellen. Da gehe ich ja auch nicht zu H&M und klaue die Hose dort (angenommen, H&M-Hosen würden mir auch nur annähernd passen natürlich), weil ich ja weiß, dass die Herren H und M schon genug Geld haben.
Wenn ich versuche mich in die Situation eines Musikproduzenten hineinzuversetzen, der ein Musikstück aufnimmt, produziert und veröffentlicht, dann finde ich es nur gerechtfertigt, dass der Produzent dafür auch gerne Geld haben möchte. Und wenn jemand sein Werk stiehlt, dann sollte er (bzw. die Polizei) doch auch das Recht haben, diesen Jemand zur Rechenschaft zu ziehen, oder?
Kultur der Raubkopie
Wir müssen aufpassen, dass die Kultur des freien Netzes nicht falsch verstanden wird – grenzenlose Freiheit im Netz darf nicht gleichgesetzt werden mit regelfreier Raum. Wenn ich mit Schülern über „ihre“ Musik spreche, stelle ich fest, dass Musik heute

prinzipiell eigentlich nicht mehr gekauft wird. Wenn Schüler ehrlich sind, dann geben sie zu, dass sie ihre Musik aus Filesharingnetzen bekommen oder per ICQ oder per Bluetooth oder als gebrannte MP3 Sammlung vom Onkel oder, oder, oder. Nur gekauft wird Musik eigentlich nicht. Computerspiele auch nicht. Ach ja und Software auch nicht. Also Office oder Photoshop oder Logic oder FL Studio oder Cubase. Es ist vollkommen klar, dass man sich digitale Medien kostenlos besorgt. Ich unterstelle, dass gar nicht allen klar ist, dass das eigentlich nicht der richtige Weg ist, an diese Materialien zu kommen…
Wenn ich hauptberuflich Musik oder Computerspiele oder Software produzieren würde, ich hätte keine Lust mehr, in diesem Segment tätig zu sein, glaube ich.
Papierabo oder digitaler Download?
Als es vor einiger Zeit um die neue Zeitschrift ging, die nun bald erscheint, habe ich mir Gedanken gemacht, ob eine Zeitschrift heute eigentlich noch state of the art ist, oder ob man nicht besser digitale Downloads anbieten sollte – Artikel mit Zusatzmaterial, pro Artikel für 1,30 Euro zu laden. Da der Verlag diese Möglichkeit nicht hat, wurde davon Abstand genommen. Die Zeitschriftenindustrie ist noch nicht so weit, das habe ich auch bei Verhandlungen mit einem anderen großen Lehrerzeitschriftenverlag gemerkt – man setzt noch auf Papier und auf das Abo.
Als Autor kann mir das relativ egal sein – ich bekomme mein Zeilenhonorar, das finanzielle Risiko trägt der Verlag. Von dieser Seite aus betrachtet leuchtet mir ein, dass der Verlag nicht möchte, dass sich nur EIN Musiklehrer in Deutschland das Heft kauft, es digitalisiert und es dann über Foren und Mailinglisten verteilt. Klar – so kann der Verlag die Kosten niemals wieder reinholen.
Als Lehrer auf der anderen Seite wäre ich sehr froh, Dinge digital nutzen zu können und mache mich damit, aktueller Rechtsprechung sei dank – strafbar. Ich befinde mich also in einer klassischen Zwickmühle – auf der einen Seite bin ich als Autor/Herausgeber durchaus daran interessiert, an meinen Werken wenigstens ein bisschen zu verdienen, auf der anderen Seite bin ich darauf angewiesen, meinen Unterricht mit eingescanntem Material zumindest annähernd auf das Level zu bringen, das im Jahr 2012 technisch angesagt sein dürfte.
Lösung OER?
Vor einiger Zeit hat sich vor allen Dingen Herr Larbigum das Thema Open Educational Ressourcen (OER) gekümmert – kurz gesagt geht es darum, selber freie Lehrmaterialien im Netz bereit zu stellen, um so, flapsig ausgedrückt, den Schulbuchverlagen ein Schnippchen zu schlagen.

Hört sich gut an, ich wage jedoch zu bezweifeln, dass das auf Dauer funktionieren wird. Gutes, belastbares Unterrichtsmaterial zu erstellen ist eine aufwändige Arbeit, die man nur dann leisten kann, wenn man entweder absoluter Idealist ist, oder aber wenn man entsprechend dafür bezahlt wird. Der Vorläufer dieses Blogs, der tasten:gott, hat gezeigt, dass „Mitmachen“ unter Lehrern nicht gerade zur weitverbreiteten Tugend gehört.
Schaut man sich an, dass ca. 6700 Autoren an der deutschsprachigen Wikipedia mitarbeiten, die deutschsprachige Wikipedia pro Tag aber viele, viele Millionen Aufrufe hat (schöne Statistik: Am 31.1.12 wurde allein der Artikel zu „Hamburg“ fast 5.000 Mal abgerufen), so wird deutlich, dass es immer nur einige wenige Enthusiasten sind, die freies Wissen voran treiben. Ich wage zu bezweifeln, dass wir für all die unterschiedlichen Schulfächer in den unterschiedlichen Schulstufen und den landesspezifischen Curricula wirklich im Netz frei verfügbare Unterrichtsmaterialien zusammen bekommen. Schon alleine die Frage nach Hörbeispielen für den Musikunterricht (Klavierstücke mögen da noch gehen, aber symphonisches Orchester?) halte ich für die CreativeCommons Idee für unlösbar.
Und nun?
Ich weiß wirklich nicht, wohin die Reise geht. Ich bin der Meinung, dass der goldene Weg noch nicht gefunden ist. ACTA ist wahrscheinlich keine Lösung. Einfach nur gegen ACTA zu sein ist aber irgendwie auch nicht die Lösung. Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber ich glaube, diese Aussage:
Worum es bei ACTA genau geht, darüber waren sich aber auch die DemonstrantInnen nicht ganz sicher. Nur die wenigsten haben das über 50 Seiten lange Handelsabkommen gelesen. Und die, die es taten, waren hinterher unschlüssig, was es genau aussagt.
vom ORF trifft wahrscheinlich auf ein Gros der Demonstranten zu. Wer von denen, die gestern auf der Straße waren, weiß wirklich, wogegen er da demonstriert hat? Gegen ein mulmiges Gefühl im Bauch? Gegen etwas zu demonstrieren hat aus meiner Sicht nur dann Sinn, wenn man auch einen Gegenentwurf zu bieten hat. Wie aber sieht der aus? Ich habe noch keinen funktionierenden gesehen. Ich habe aber auch selber keinen funktionierenden Gegenentwurf in der Schublade liegen. Leider.
Möglicherweise geht es hier um die Quadratur des Kreises: Maximale Freiheit bei gleichzeitiger Wahrung schöpferischer Rechte. Geht das? Ich kenne das brandheiße Thema „Copyright“ von beiden Seiten, vielleicht fällt es mir deshalb so schwer, der aktuellen Schwarzweißmalerei beizupflichten. Aber eine Lösung ist das natürlich auch nicht. Ausrufezeichen. Fragezeichen.
(Bildquellen: Artikelfoto: 917press | flickr | CC BY-NC-SA 2.0 || CC-Logo: creativecommons.org || Raubkopierercassette: Wikipedia || Denker: Wikipedia)