Vor wenigen Tagen erreichte mich und alle anderen Kollegen und Kolleginnen eine Mitteilung der Schulleitung: Ab dem nun beginnenden Schuljahr bekommt jeder Kollege und jede Kollegin eine eigene Mailadresse über die Schule. Diese Mailadresse ist wenigstens zwei Mal wöchentlich abzufragen (Terminals stehen im Lehrerzimmer schon lange bereit), eine Weiterleitung an die eigene Mailadresse kann eingerichtet werden, ein Abruf der Adresse von zu Hause aus (per POP oder IMAP) ist natürlich ebenso möglich, Chefkommunikation läuft ab sofort nur noch über die Mailingliste, in der alle Kollegen bzw. deren Mailadresse eingetragen werden.


Yippiehjayeah!


Unnötig zu sagen, dass ich schon lange eine Dienstadresse besitze und diese natürlich auch im Mailverteiler eingetragen ist. Noch vor nicht allzu langer Zeit gab es große Diskussionen darüber, ob man als Lehrer “gezwungen” werden könne, eine Mailadresse zu besitzen und die Mails gar mehrmals wöchentlich abzurufen. Eine ganze Reihe an Kollegen fragt die Mails nach eigener Aussage “nur alle 14 Tage” oder “nur dann, wenn ich weiß, dass ich eine Mail bekomme” ab.


Als Medienjunkie, iPhone-Benutzer und ehemaliger tasten:gott fliegen Mails bei mir natürlich im Minutentakt ein, ebenso bei vielen jungen, jüngeren oder jung-gebliebenen Kollegen. Es gibt sie aber, die nicht geringe Menge an Medienverweigerern, die auch jede Menge gute Gründe dafür finden, warum Kommunikation per Mail sie ausserordentlich belastet, eine Zumutung ist und von ihnen nur dann gepflegt würde, wenn sie “von oben” verordnet würde.


Diese Verordnung ist nun da. Ich finde das gut. Nicht, weil ich mich freue, dass so etwas verordnet werden muss (das ist eher erschreckend). Aber weil Schule so wieder ein kleines bisschen digitaler geworden ist.


Und prompt sind in dieser Woche Stunden- und Terminpläne als PDF oder Word-Dokument eingeflogen gekommen – was es ermöglicht, nun endlich komfortabel damit weiterarbeiten zu können – komfortabler, als mit Ausdrucken oder von-der-Pinnwand-abzulesenden-Schmierzetteln.


Wie erlebt ihr die digitale “Revolution” an Euren Schulen? Kennt ihr diese Widerstände? Seid ihr selbst Widerständler? Oder digitale “Revoluzzer”? Können wir uns auf die Fahne schreiben, die nächste Generation an Schülern auszubilden, wenn wir uns solch inzwischen alltäglichen Dingen wie E-Mail verschließen? Oder gehört es zu unseren Aufgaben als Schule, Entschleunigung (tolles neues Wort) zu betreiben, weiterhin Papier zu verteilen und einen Ruhepol in hektischer Digitalwelt darzustellen?

Die Revolution schläft nie
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9 Kommentare zu „Die Revolution schläft nie

  • 27. August 2010 um 12:29
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    Wir hatten gerade die Diskussion im Kollegium, dazu ging ein Paper einer Gewerkschaft rum. Einerseits ist es ja ganz nett, alles papierlos, schnell und bequem von zu Hause aus zu erledigen. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, dass dann ein SL verlangen könnte (ob er das darf, ist eine andere Frage), selbst um 22 Uhr die Mails darauf zu prüfen, ob es eine Änderung für den nächsten Tag gibt. Und Vertretungspläne ändern sich häufiger.

    Die papierlose Kommunikation erleichtert zwar einiges, dadurch verwischen aber auch schnell die Grenzen zwischen beruflichen und privaten Phasen.

  • 27. August 2010 um 17:37
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    Hmm … vielleicht habe ich noch vor ein paar Tagen in genau Dein Horn gepustet; bestimmt habe auch ich mich über die Mailverweigerer, Mittwochsmailleser und Computerlegastheniker am lautesten aufgeregt.

    Caramba, ich kann, weil ich kann! Ich habe iPhone, iPad, iMac, iMer und weiß-der-Geier-was. Ich kann garantieren, dass ich in Sekundenschnelle auf jede Mail antworten kann. Es bingt, es wackelt und ich weiß: Da ist ‘ne Mail. Schnell lesen. Ohmann, es könnte wichtig sein. Meist ist’s dann der Newsletter von Tchibo, eine Anfrage, ob ich nicht noch über dies oder das im Blog schreiben mag oder ein gut gemeinter Link zu einem Thema, von dem jemand meint, dass ich es unbedingt lesen müsse – was ich dann auch gerne gleich tue …

    Bis mir dann dieser Tage dieses Buch http://kuerzer.de/AlexRuehleOhneNetz geschenkt wurde. Und es beschäftigt mich ganz arg. Der Autor ist/war/ist bekennender Blackberry (Crackberry-)Junkie und entschließt sich, ein halbes Jahr ohne Internet zu arbeiten.

    Was mich am meisten beeindruckte ist die Tatsache, dass ich seine gesamten Entzugserscheinungen realistisch nachvollziehen kann.

    Ich bin noch nicht durch. Aber das Buch bewegt mich und viel in mir. Ich weiß auch noch nicht was. Aber ich weiß mittlerweile, dass ich die ständige Bereitschaft meiner Mailbox, das ständige Nachschauen, wer mir jetzt was bedrückend Wichtiges mailt, das unentwegte Gewehr-Bei-Fuß doch sehr nervt.

    Und von daher entwickle ich in den letzten Tagen Gedanken, die Dein Zitat von oben

    “Diese Mailadresse ist wenigstens zwei Mal wöchentlich abzufragen (…)”

    ein wenig mehr in diese Richtung formulieren:

    “Diese Mailadresse ist höchstens drei bis fünf Mal wöchentlich abzufragen (…)”
    oder
    “Diese Mailadresse muss nicht stündlich/minütlich abgefragt werden (…)”

    Und ich ertappe mich dabei, dass ich Kollegen, die Sätze sagen wie:

    “Ich frage meine Mails nur alle 4/7/10/14 Tage ab”
    nicht doch ein wenig bewundere …

    Ob sie mehr Zeit haben?

    Ein Satz in meiner Familie hat mich schon vor einigen Monaten in eine neue Richtung gelenkt, als ich abends von meinen Beruf erzählte, von meiner Bereitschaft, für meine Studierenden und Anwärter präsent zu sein, da zu sein, wenn’s wo brennt, ihnen sofort unter die Arme greifen, ihnen helfen und sie trösten zu können und meine Frau im Scherz meinte: “Ja … man müsste Student bei Dir sein … dann wäre die Lampe im Flur schon lange angebracht … Aber – ich schreib Dir mal ‘ne Mail …”

  • 27. August 2010 um 19:43
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    Ich würde mich freuen, wenn es an meiner Schule eine Mailverpflichtung für das Kollegium gäbe. Man muss das von verschiedenen Seiten sehen. Und es geht dabei nicht nur darum, unbedingt modern sein zu wollen. Wenn Schulen Mail nutzen, dann kann das Mengen an Papier sparen und vor allem auch Arbeit. In der Regel sind des die Sekretärinnen, die ihre Zeit damit verbringen, Informationsschreiben in die Fächer der Kollegen zu sortieren. Mit Mails könnte es wesentlich einfacher sein.
    Ein Probem sehe ich auch nicht darin, Lehrer zu verpflichten, zweimal wöchtentlich in ihre Mail-Fächer zu schauen. Das sind erwachsene Menschen, und wenn ich in meinem Kollegium erlebe, wie sich dort Leute diesem einfach verweigern. Ich finde es peinlich.
    Wir hatten unseren Kalender/ Rahmenplan, der alljährlich in Papier zur ersten Konferenz des Schuljahres verteilt wurde, ins Netz gestellt in Form von Google Kalender. Der lässt sich leicht aktualisieren. Nach einem Jahr sind wir wieder beim Papier, da es Personen gab, die sich weigerten, online nachzusehen. So verpassten sie Termine und gaben der Schulleitung die Schuld, weil man ihnen das nicht zumuten könne, Punkt.
    Lehrer nehmen sich da enorme Freiheiten heraus. Der Zerspanungsmechniker, der sich weigerte von seiner alten Drehbank an eine moderne CNC Maschine zu wechseln, der Bürokaufmann, der es nicht einsah, warum er anstatt der Schreibmaschine nun einen Computer nutzen müsse, beide stehen heute auf der Straße.

    @Michael Fromm Wer sich zum Mailbox Junkie macht, der hat natürlich ein Problem, genauso wie derjenige, der fünfmal am Tag zum Briefkasten rennt und schaut, ob vielleicht doch noch etwas gekommen ist. Es ist letztlich eine Frage der Disziplin – und wie sauber man seine Mails managt.

  • 27. August 2010 um 20:01
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    @ Damian Duchamps: Briefkästen haben bei uns halbwegs zuverlässige Füllzeiten – von daher ist abzusehen, wann was drin sein kann und wann nicht … von daher hinkt dieser Vergleich m.E. ein klein wenig … ;-)

    Letzten Endes ist’s aber so wie immer: was für die einen gut/leicht/richtig ist, kann für die anderen schlecht/schwer/verkehrt sein …

    Das papierlose Büro bzw. die papierlose Behörde bzw. Schule wird aber mit Sicherheit noch lange auf sich warten lassen. Ich muss auch immer über meinen Workflow lachen, wenn die Papiere aus dem Scanner gleich in den Shredder wandern – hat schon immer wieder was leicht Paradoxes und könnte sehr einfach vermieden werden, wenn …

  • 28. August 2010 um 13:10
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    Ich würde gerne an das Fach im Lehrerzimmer die gleichen Anspräche anlegen wie an eine E-mail…. Oder andersherum.

    Kommunikation wird heute zunehmend digital, und daher möchte ich auch gerne Informationen, die digital sind, auch digital bekommen. Per E-mail.

    Die meisten Briefe, die im Lehrerzimmer im Fach liegen inkl. Kursliste und Stundenpläne werden ausgedruckt und dann verteilt. Diese Dokumente möchte ich gerne digital bekommen, so, wie sie selber aus dem Computer kommen.

    Was handschriftliche Kurznotizen angeht, so dürfen die gerne weiter im Fach liegen. Ich “rufe” das aber nur einmal täglich ab. E-mail geht in meinem Fall schneller.

    Bei uns tut sich dahingehend wenig. Aber man scherzt inzwischen gelegentlich über die Wünsche, dass einige Kollegen/innen gerne E-mail bekommen wollen. Immerhin.

  • 28. August 2010 um 18:03
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    Das Argument “Wenn wir erstmal alles per Mail machen, muss ich demnächst auch um 22 Uhr auf den Vertretungsplan schauen” kenne ich auch. Aus meiner Sicht spricht gegen so etwas, dass, wenn eine Schule verlangen sollte, dass man um 22 Uhr auf den Verttungsplan schaut:

    1. Die Kollegen sich um 21.30 Uhr beim Vertretungsplanmacher abmelden.

    2. Dieser um 21.50 von zu Hause aus noch einen neuen Vertretungsplan macht.

    Beides scheint mir unwahrscheinlich. Was Mischl gesagt hat, kann ich in gewisser Weise nachvollziehen, ich denke aber, es braucht schlicht Selbstdisziplin: Ich habe, wenn ich unterwegs bin, mein iPhone oft Lautlos gestellt, oder ich deaktiviere die Push-Dienste. Ich muss nämlich nicht immer und überall erreichbar sein. Und wenn etwas wichtig wäre, würde man mich anrufen und nicht mailen.

    Selbstdisziplin gehört schon dazu – wir sind keine Manager oder Börsenmakler, bei denen es ggf. in Minuten um ganze Volkswirtschaften gehen kann.

    Einen mir zugemailten Aufsichtsplan als durchsuchbares PDF, in dem ich mein Kürzel in Sekunden finden kann, anstatt nach Aushang mit 85 Kollegen gleichzeitig auf einem DIN A4 Blatt nach meinen Aufsichten suchen zu müssen empfinde ich allerdings als große Arbeitsentlastung.

  • 9. September 2010 um 11:24
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    Bei uns werden schon lange auch die Eltern an Mails gewöhnt.
    Jeder Zettel und jede Info ist dadurch dokumentiert und auffindbar. Überlebenswichtiges gibt es zusätzlich auf Papier; die eine Familie ohne Internet wird von einer Familie mit Mailausdrucken beliefert.
    Als Elternvertreter kann ich mit einer Rundmail bequem und besonders zeitnah informieren. Manche Probleme kommen per Mail leichter oder überhaupt zur Sprache, mit so manchem Lehrer entstehen konstruktive Kontakte. Natürlich muss man als Lehrer oder Elternvertreter lernen sehr knapp und doch präzise antworten zu können und Nachsicht haben mit Mailanfängern, die sich der Auswirkungen von Schriftlichkeit noch nicht so bewusst sind…Der allgemeine Gewinn durch die Kontaktzunahme ist allerdings nicht hoch genug einzuschätzen!

  • 18. November 2010 um 22:06
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    Wir sind an unserer Schule auch soweit. Jeder Kollege hat eine Schul-Email-Adresse und wir haben dazu sogar ein passendes Portal, wo wir Schülern sogar Dateien hinterlegen können (http://ohggf.de/). Dort können wir sogar online Mitteilungsseiten und den Terminkalender nachlesen. Diese werden aber auch noch weiterhin im Mitteilungsbuch im Lehrerzimmer abgeheftet.

    Außerdem haben wir nun rund 70 Lehrerlaptops und ein Großteil an Klassenräumen ist schon mit Beamern an der Decke ausgestattet.

    Somit ist das digitale Medienzeitalter auch endlich bei uns angekommen. Ich bin sehr froh darüber und schöpfe auch diese Möglichkeiten gerne aus. Aber man merkt, das ältere Kollegen oft mit dem “neuen Kram” oft ein wenig überfordert sind.

    Unser Vertretungsplan ist aber leider immer noch NUR offline im Lehrerzimmer zu lesen. Auch bezüglich der Schul-Email-Adressen sind da noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Aber was nicht ist, kann ja noch werden :)

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