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Digitalisierung in Schule und Lehrer(aus)bildung: Wird es gut werden?

Seit nunmehr 20 Jahren begleitet mich das Thema „Digitalisierung“: Damals, als Student und später als Lehrbeauftragter an der Uni noch ganz simpel unter dem Schlagwort „Computereinsatz im Musikunterricht“. Schließlich war das Internet noch längst kein Massenphänomen und über Schlagworte wie „BYOD“ konnte sich noch niemand ernsthaft Gedanken machen – es hatte ja kaum jemand transportable Devices…

Seit 20 Jahren versuche ich also in Fortbildungen, Artikeln, Gesprächen mit KollegInnen, seit einigen Jahren auch in der Lehrerausbildung am ZfsL und zuletzt in einigen Ausgaben der Zeitschrift „Musikunterricht und Computer“ gemeinsam mit anderen gleichgesinnten auf die Vorteile des Einsatzes von zunächst klassischen Desktops, heute eben Tablets, Smartphones und Co im Unterricht aber auch in dessen Vorbereitung hinzuweisen.

Bitte keinen Aktionismus!

Dabei habe ich immer Wert darauf gelegt, keinen blinden Digitalaktionsimus zu betreiben. Schlechter Unterricht wird nicht besser durch irgendein Computerprogramm oder Tablet oder vom Schüler mitgebrachtes Digitalgerät. Keine App der Welt und keine Glasfasernetzanbindung gleichen didaktische Defizite der Lehrenden aus.

Aber es gibt sinnvolle Einsatzbereiche – gerade im Fach Musik – in denen das Arbeiten mit digitalen Endgeräten einen Mehrwert bietet. Über viele davon habe ich gebloggt, fortgebildet, geschrieben und geredet, immer und immer wieder: Höranalysen können durch ein per QR-Code verteiltes Hörbeispiel ebenso individualisiert werden wie Aufgaben an sich. Hilfekarten hinter QR-Codes sparen Papier, Zeit und Nerven. Wer auf dem eigenen Smartphone eine Klaviatur mit ein- und ausblendbarer Beschriftung nutzen kann oder im Sequencer Musik gestalten kann statt sich an der Gitarre alle Zähne auszubeißen, dem wird Teilhabe ermöglicht und möglicherweise Frustration genommen. Ein Notationsprogramm, das warnt, wenn Noten geschrieben werden, die nicht mehr singbar sind oder die den Tonumfang des gewählten Instruments überschreiten, verbessert die Qualität von Gestaltungsaufgaben. Smartphones als Dokumentenkamera sind nicht nur im Musikunterricht eine große Hilfe. Kollaborativ zusammengetragene Lernhilfen eines Q2-GKs fürs Abitur sind kein Musikspezifikum etc. pp.

Natürlich ersetzt ein Sequencer nicht die Erfahrung, mal auf eine echte Trommel geschlagen und gespürt zu haben, dass das mal eine lebendige Ziege war, auf der da musiziert wird. Und ihr würdet Euch vielleicht wundern, wie selten ich tatsächlich mal mit einem ganzen Kurs “im Computerraum” sitze und wie viel häufiger Boomwhacker, Trommeln, Gitarren und Notenpapier zum Einsatz kommen. Aber die digitalen Gerätschaften ergänzen und erweitern das, was immer schon da war. Sie sind kein „entweder-oder“, sondern ein „sowohl-als-auch“. Ich wäre doch nicht ganz bei Trost, würde ich Filmmusikexperimente mit der analogen Bandmaschine durchführen. Natürlich nehme ich dafür den Computer her.

Alles isolierte Digitalsonderlinge?

Doch lange Zeit hatte ich das Gefühl, dass es bestenfalls einzelne kleine Inseln (oder sollte ich sagen „Verrückte“?) waren, die hier und dort mit Audacity und Musescore und anderen Programmen in ihrem Musikunterricht vor sich hin werkelten. Die Nerds halt. Von den einen belächelt, von den anderen ehrfurchtsvoll als Beherrscher des beängstigend Komplexen gefeiert, auf jeden Fall aber irgendwie in exponierter Stellung. Digitalsonderlinge, Freaks, Nerds.

Digitalsonderlinge bei der Arbeit

Twitter ermöglichte dann, wahrzunehmen, dass es offensichtlich doch eine etwas größere Gruppe von LuL gab und gibt, die digitale Endgeräte kreativ in ihrem Unterricht einsetzen. Auch wenn längst nicht alles, was dort zu lesen ist, immer auch sinnvoll erscheint. Sind wir mal ganz ehrlich: Manchmal drängt der Spaß am Ausprobieren das Beachten von althergebrachten Gütekriterien für Unterricht auch schon einmal in den Hintergrund und wir freuen uns so sehr über das digitale Endprodukt, dass wir vielleicht die Kosten-Nutzen-Rechnung vergessen. Aber immerhin: Man traut sich, Dinge auszuprobieren und neue Wege zu gehen und, vielleicht noch viel wichtiger: Sich darüber auszutauschen. Das ist doch schonmal besser als hinter verschlossener Tür vor sich hin zu werkeln. Twitter also zeigt(e): Offensichtlich gibt es da draußen nicht nur Ablehner, Nein-Sager, Ewig-Gestrige, für die das Episkop sowieso die bessere Dokumentenkamera und der Niedergang des Sprachlabors Ende der 1980er Jahre die ultimative Begründung dafür darstellt, sich fortan mit nichts Neuerem seit dem Buchdruck mehr auseinanderzusetzen – ist ja doch alles nur wieder irgendsoein Hype.

Aktionismus liefert Nein-Sagern Argumente

Leider gab es auch Wellen überzogenen Aktionismus’, die viel kaputt gemacht und den Nein-Sagern Öl fürs Feuer geliefert haben. Kaum waren Laptops erschwinglich, sprach alle Welt von „Laptopklassen“. Kurz nach Erscheinen des Smartphones sollten „Smartphoneklassen“ die Welt retten. Ist alles verpufft. War alles nicht nachhaltig angedacht oder nicht nachhaltig gemacht. Aktionismus eben. Gut gemeint. Aber am Ende nicht gut gemacht. Oder wer von Euch hat um sich herum lauter Schulen mit Smartphoneklassen, in denen jetzt lediglich die kleinen Geräte gegen welche mit größerem Bildschirm ausgetauscht werden müssen? Eben!

Dann kamen die ersten KollegInnen auf die Idee, Twitter mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen sei das Mittel der Wahl, um SuS (Fach)texte zusammen fassen zu lassen – aus meiner Sicht ein schönes Beispiel dafür, dass man versucht, ein Tool mit allen Mitteln in den Unterricht zu drücken, weil es halt da ist. Hier bin ich allerdings der festen Überzeugung: Nur weil jemand einen Hammer erfindet, musst Du nicht anfangen alle Wände zu Nagelbrettern zu machen. Sprich: Nur weil etwas da ist, bedeutet es noch lange nicht, dass sein Einsatz im Unterricht auch sinnvoll ist. Hier bedarf es ganz genau so der didaktischen Analyse wie bei allen anderen Methoden/Gegenständen/Planungen, die ich sonst so in meinen Unterricht hole. So wie nicht jeder Popsong oder jedes klassische Werk gleich gut geeignet ist, im Musikunterricht zum Thema und somit zum Kompetenzerwerbsschauplatz zu werden, ist es auch nicht jede App oder jeder Webservice.

Warum ich gegen Tabletklassen bin

Nun werden gerade an etlichen Standorten „Tabletklassen“ diskutiert. Ich persönlich glaube nicht, dass „Tabletklassen“ die Lösung sind. Zumindest erlebe ich allenthalben, dass an das Vorhandensein einer „Tabletklasse“ auch implizit oder explizit, je nach Schule, die Forderung gestellt wird, nun in dieser Klasse (nahezu) komplett digital zu arbeiten. Ich halte das für falsch. Es geht eben nicht um „entweder analog oder digital“. Es geht um „sowohl als auch“.

Überspitzt dargestellt:
Als der OHP in die Schulen kam, ist auch niemand auf die Idee gekommen, einzelne Klassen zu „OHP-Klassen“ zu erklären und fortan in jenen Klassen das Benutzen von Tafel und Papier zu untersagen. Wer heute unterrichtet, entscheidet sich (hoffentlich) begründet dafür, in der einen Stunden den OHP, in der nächsten Stunde die Tafel, 14 Tage später ein Plakat und in der Woche drauf einen Laptop mit Beamer einzusetzen.

Episkop – [Bomas13 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0]

[Ja, ich weiß, der Vergleich hinkt insofern als dass Smartphones, Tablets und das Internet heutzutage bereits als Allgemeingut angesehen werden dürfen – die wenigsten SuS jedoch werden zu Hause ganz selbstverständlich einen OHP mit sich herumtragen, der Leitmedienwechsel ist sicher durch den OHP nicht angestoßen worden. Aber ich denke, ihr wisst, was ich meine.]

Ähnlich durchdachtes Vorgehen wünsche ich mir auch für den Einsatz von Computern, Tablets, Smartphones, dem Internet und App X, Programm Y sowie Webdienst Z. Sinnvoller Einsatz der Flut an Digitalem geschieht reflektiert, fallbezogen, didaktisch begründet und ist nie ein „entweder-oder“. Ich muss in der Lage sein, heute mit dem Tablet und morgen mit dem OHP und – von mir aus – übermorgen mit dem Episkop arbeiten zu können. Wenn es sinnvoll und zielführend erscheint. Und dafür muss ich ausgebildet sein – ich muss begründet entscheiden können, welches Medium ich warum einsetze.

Keinen Aktionismus – aber auch keine Verhinderungsproblematisierung

Es ist gut, dass nun Dinge in Bewegung geraten. Der Digitalisierungszug hat schon ganz schön Fahrt aufgenommen. Überall werden Konzepte entwickelt, Gespräche geführt, Austausch angestoßen, Glasfaser in Schulen gelegt. Die Diskussion um den Begriff der „Lernförderlichkeit“ von digitalen Medien geht dabei sicherlich in die richtige Richtung, denn sie versucht, dem blinden Aktionismus Einhalt zu gebieten. Man hat hier und da offensichtlich gemerkt, dass „Fortbildung zur Benutzung von App X“ nicht das ist, was wir, was Schule braucht. Ich nehme wahr, dass mehr und mehr wirklich und ehrlich die Frage nach dem didaktischen Mehrwert gestellt wird. Und das ist gut so.

Das SAMR Modell

Doch wir müssen uns auch im Klaren darüber sein, dass damit das Totschlagargument für die Nein-Sager schon gleich mitgeliefert wird: „Ich sehe nichts Lernförderliches im Einsatz von Technologie X, also verweigere ich mich“. So darf die Diskussion nicht enden.

Wir sollten fair und ehrlich bleiben, denn ich behaupte, dass längst nicht jede/r der/die postuliert „Tablets sind aber gar nicht lernförderlich einzusetzen“ wirklich und wahrhaftig und ehrlich beantworten kann, warum „Gruppenarbeit“, „Think Pair Share“ oder der Einsatz von Flipchart und bunten Stiften in dieser oder jener Situation lernförderlicher als andere Unterrichtsformen/Medien sind. Allerdings trauen wir uns hier, einfach mal auszuprobieren. Ohne stundenlange Verhinderungsdiskussionen zu führen, die die Nachteile von Flipcharteinsatz im Unterricht aufzeigen. Dabei ist das Verletzungsrisiko durch fiese Papierschnitte nicht zu unterschätzen!

Mit gleichen Maßstäben messen, das wünsche ich mir. Haben wir eigentlich auch monatelang darüber nachgedacht, welche Lichtstärke der OHP braucht, welche Stiftdicke die richtige fürs Schreiben auf der Folie ist, ob es bestimmte Stifte gibt, die aufgrund von Lösungsmitteln eventuell gefährlich sein könnten, etc.? [Ja, ich weiß, der Vergleich hinkt. Siehe oben. Seht es mir nach.]

Medienpass NRW 10/2017

Das SAMR– und das 4K-Modell und der Umstand, das beide – zumindest in meiner Wahrnehmung – zunehmend auch in Schule und ZfsL diskutiert werden, machen deutlich, worum es in Sachen „Digitales“ gehen kann und soll. Und wenn nun die ZfsL im Land (übrigens, für nicht NRWler: Das sind die Häuser, die früher mal „Studienseminare“ hießen, das steht für “Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung”) den Schritt in Richtung Digitales wagen, wenn ReferendarInnen dazu ermutigt und demnächst sogar verpflichtet werden, Digitales in Ihren Unterricht einzubeziehen, wenn die Neufassung des Medienpasses NRW aufzeigt, was „Kompetenzen“ für das 21. Jahrtausend auf Seiten der SuS sein könnten – dann habe ich das Gefühl, dass sich etwas in die richtige Richtung bewegt.

Kompetente SuS brauchen kompetente LuL
Wir sollten jedoch nich vergessen – der Medienpass NRW ist so, wie er aktuell vorliegt, ein Dokument, das Kompetenzstufen für SuS beschreibt.

Das DigiKompP Modell aus AT

Komepetenzstufenmodelle für LuL müssen hier sicher anders aussehen. Obwohl ich ketzerisch bezweifeln möchte, ob eine genügend große Anzahl an KollegInnen jenseits der Nerd-Twitter-EdChatter-BarCamper-Filterblase jeweils Stufe 4 des für SuS(!) geltenden Medienpasses erreicht. Und wenn dem so ist (ich habe letzte Woche, im Jahr 2018 an einer Schule einen Workshop zum Thema “Dienst-E-Mails mit dem E-Mail-Programm” gegeben.), dann müssen wir uns ernsthaft fragen, ob wir, bevor wir die Schulen mit Digitalem fluten, nicht zunächst einmal verstärkt an den Unis und den ZfsL tätig werden müssen. In Österreich gibt es ein spannendes Modell – es zeigt auf, welche Kompetenzen LuL im Bereich “Digitales” vor dem Studium, während des Studiums sowie in den ersten 5 Praxisjahren erlangen sollen. Ein ähnliches Modell für NRW, das Kompetenzbereiche für: vor dem Studium, im Studium, im Referendariat und in den ersten 5 Praxisjahren ausweist, das wäre eine begrüßenswerte Ergänzung zum Medienpass für SuS.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir allerdings, dass wir (und damit meine ich uns „Digitalfuzzis“, Twitterer, Betriebssystemselberinstallierenkönner, uns wissende Anwender, die wahrscheinlich noch immer ganz weit weg sind von dem, was echte Informatiker erwarten würden) diesen Prozess vorsichtig gestalten. Auf der einen Seite sollten wir uns davor hüten, weiterhin Einzel-App-Fortbildungen als alleiniges Heilmittel gegen das Nicht-Wissen der „Analogfuzzis“ einzusetzen. Workshops zu OneNote, Prezi, EtherPad, Mentimeter, Kahoot! und Co mögen eine Berechtigung haben – weil es noch immer KollegInnen da draußen gibt, denen erst einmal gezeigt werden will, was es alles gibt: Wer noch nie ein Bild an einer Wand gesehen hat, wird niemals den Wunsch verspüren, sich einen Hammer und ein paar Nägel zu kaufen.

Aber wir dürfen hier nicht stehen bleiben. Das Ziel muss sein, Kolleginnen und Kollegen fit zu machen, dass sie selber – didaktisch und digital mündig – entscheiden „nächste Woche setzte ich das Tablet/das Smartphone/die Nachfolgetechnologie des Jahres 2035 in Kurs Y ein, weil damit mein Ziel Z am sinnvollsten zu erreichen ist“. Ganz genau so, wie die Kolleginnen und Kollegen auch entscheiden, wann ein Arbeitsblatt, wann ein Tafelbild und wann ein Hörbeispiel das Medium der Wahl ist.

Wenn wir das schaffen, dann wird das, was gerade landauf, landab passiert, am Ende hoffentlich „gut“. Und dann sagen wir hoffentlich nicht im Jahr 2043, kurz vor der Pensionierung „Weißt Du noch, damals, 2016-2019, als alle die Digitalisierungssau durchs Dorf getrieben haben, Mensch was haben wir da Geld verpulvert für nix und wieder nix??!!“

Andere interessante Blogartikel zum Thema:

Quellen:

Nachtrag:

Vor nicht weniger als fünf Jahren schrieb Mischl in der damaligen Ausgabe der „Musikunterricht und Computer“ bereits eine Kolumne, die nahezu die selben Dinge bemängelte. Einzelheiten mögen sich inzwischen geändert haben – das große Ganze aber war vor fünf Jahren offensichtlich schon genau so problematisch.