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Musik im Abitur? Irrelevant…

Ausgelöst von der enormen Zahl an Downloads meines Materials zu Kraftwerk – heute, am 25. Juli 2015, elf Monate nach Veröffentlichung des Artikels inklusive des Materials beläuft sich die Downloadzahl auf über 3.200 Downloads – habe ich mich gefragt, wieso so viele Besucher Interesse an dem Material haben.

  • Wie viele MusiklehrerInnen mag es geben?
  • Oder sind es SchülerInnen, die sich auf das Abitur vorbereiten, die das Material heruntergeladen haben, wie mein lieber Freund Michael Fromm vorschlägt?

Nun, das wollte ich genauer wissen – schließlich ist Kraftwerk als Gegenstand für das Zentralabitur der letzten Jahre relevant gewesen. Das könnte ja auf eine prinzipiell recht große Anzahl an Interessierten treffen. Aber eben nur in NRW.

Also stellen sich die Fragen:

  • Wie viele MusiklehrerInnen gibt es in NRW?
  • Wie viele AbiturientInnen legen eine Prüfung in Musik ab?
  • Wie viele Menschen könnten ein (theoretisches) Interesse an Material zu “Kraftwerk” (gehabt) haben?

Schaunmermal, das müsste sich doch herausfinden lassen…

Viele Seiten voller Zahlen – NRW Schulstatistik

Ein Blick in die amtlichen Schuldaten erhellt einiges: In NRW gibt es 306 Gesamtschulen und 625 Gymnasien. Macht 931 Schulen an denen potentiell Musik als Abiturfach belegt werden könnte. Beschäftigt also jede dieser Schulen 3,5 MusiklehrerInnen, von denen sich jeder das Material geladen hat? Das wäre eine Erklärung. ;-) Aber irgendwie keine befriedigende. Und beileibe keine realistische.

Wie viele MusiklehrerInnen gibt es eigentlich in NRW?

Die Schuldaten NRW 2014 sagen: Es gibt 2546 LehrerInnen mit dem Fach Musik an Gymnasien und 1287 MusiklehrerInnen an Gesamtschulen. Das macht in der Summe 3833 MusiklehrerInnen, die prinzipiell SchülerInnen in Musik zum Abitur führen könnten. Das passt ganz gut – fast jeder Kollege hat sich also meine Materialien einmal heruntergeladen. Yippieh ;-) Das würde aber bedeuten, dass das alles KollegInnen sind, die auch in der Oberstufe unterrichten und dabei zentralabitursrelevante Inhalte vermitteln. Also schauen wir doch mal nach, wie viele SchülerInnen 2014 Abitur in Musik abgelegt haben.

LK- und GK-Prüfungen im Fach Musik 2014

Gerade einmal 12 SchülerInnen an Gesamtschulen haben Musik als LK gehabt, etwas mehr, nämlich 204, an Gymnasien. Macht 216 Musik-LK-TeilnehmerInnen in ganz NRW. 47 SchülerInnen an Gesamtschulen haben Musik als 3. oder 4. Fach belegt, 456 SchülerInnen haben Musik am Gymnasium als 3. oder 4. Fach im Abitur gehabt. In der Summe also 503 Abiturprüfungen im Bereich der Musik-GKs.

Ziemlich wenige AbiturientInnen in Musik

Summasummarum haben 2014 also gerade einmal 719 SchülerInnen aus NRW im Jahr 2014 das Fach Musik im Abitur belegt. Zieht man die Gesamtzahl der Abiturientinnen als Vergleichsgröße hinzu, so machen 0,1% der AbiturientInnen an der Gesamtschule Musik im Abi, am Gymnasium sind es 0,3%. Wow. Mit so wenig hätte ich nicht gerechnet.

Deutlich mehr Abiturprüfungen in Kunst

Stutzig macht mich, dass das Fach Kunst an beiden Schulformen deutlich stärker belegt ist: Gesamtschule: 1.109 SchülerInnen (=neunzehn(!) Mal mehr als im Fach Musik), insgesamt 2,1% der Abiturientia 2013 / Gymnasium: 3.037 SchülerInnen (=4,6 Mal mehr als im Fach Musik) , insgesamt 1,2% der Abiturientia 2014.

Was habe ich gelernt?

Was bedeutet das nun? Zum einen, ganz klar, dass ich auch mit einem Blick in die Statistik nicht klären kann, wer sich alles die Materialien zu Kraftwerk heruntergeladen hat. Ich glaube nicht, dass mehrere hundert SchülerInnen sich die Arbeitsblätter heruntergeladen haben. Und ich gehe beileibe nicht davon aus, dass jeder Lehrer da draußen sich meine Materialien besorgt hat. Vielleicht wird das PDF-Dokument von irgendwelchen Crawlern abgegriffen? Ich weiß es nicht. Eine so geringe Zahl an Kursen, die sich mit zentralabitursrelevanten Inhalten auseinandersetzen müssen und dann eine so hohe Anzahl an Downloads? Das passt nicht zusammen…

Zum anderen bedeutet es aber auch, dass meine Gedanken, die ich mir schon lange über die Qualität des Musikunterrichts da draußen mache – und die ich nicht zuletzt im Leitartikel des Kundenmagazins Populär 1/2015 formuliert habe, der auf sehr viel Zustimmung nicht nur aus NRW und nur eine einzige, dafür aber harsche Kritik eines Kollegen aus NRW stieß – auf eine offensichtlich sehr geringen Teil der Schülerschaft zielen.

  • 931 Schulen in NRW, an denen man Musik ins Abitur nehmen könnte.
  • 719 SchülerInnen, die es auch tun.
  • Noch nicht einmal ein/e SchülerIn pro Schule.

Muss ja nicht sein, dass jede/r AbiturientIn auch gleich noch Musik als Abiturfach belegt. Aber sollten wir nicht anstreben, zumindest ähnlich viele AbiturientInnen mit dem Fach Musik zu haben, wie es auch AbiturientInnen mit dem Fach Kunst gibt? Wird das Fach Musik so nicht auf Dauer abgewertet, wenn eine derart geringe Zahl an SchülerInnen es bis zum Abitur führt?

Oder sollte ich der Wahrheit ins Gesicht blicken, akzeptieren, dass Musik im Bereich des Abiturs praktisch keinerlei Rolle spielt und deshalb auch einfach nicht mehr mit der Botschaft “Macht den Unterricht schon ab Klasse 1 so, dass am Ende jede/r die theoretische Möglichkeit hat, Musik ins Abitur zu nehmen, egal ob er oder sie zu Hause ein Instrument erlernt” durch die Welt rennen?

Ich gehe mal eine Runde nachdenken…

[Quelle des Bildes: https://en.wikipedia.org/wiki/Abitur#/media/File:Abipedia.jpg | CC BY-SA 3.0 | Lantus | October 24, 2009]