Mythos „Digital Natives“?

· Medienkompetenz , Unterricht

Schon seit geraumer Zeit geistert der Begriff von den „Digital Natives“ durch die Medien- und auch die Bildungswelt. Dabei soll es sich, laut Wikipedia, um Personen handeln, für die gilt:

„Computerspiele, E-Mails, Internet, Mobiltelefone und Instant Messaging [sind] integrale Bestandteile ihres Lebens, sie wurden schon früh damit sozialisiert. Diese allgegenwärtige Ausstattung und die massive Interaktion damit führe zu einem anderen Denken, anderen Denkmustern und zu einem fundamentalen Unterschied, Informationen zu verarbeiten.

Grundlage ist demnach, dass unterschiedliche Erfahrungen zu unterschiedlichen Hirnstrukturen führen. Sie seien gewohnt, Informationen sehr schnell zu empfangen, sie lieben es, parallel in Multitasking zu arbeiten. Sie lieben den Direktzugriff auf Informationen (im Gegensatz zum seriellen), ziehen die Grafik dem Text vor und funktionieren am besten, wenn sie vernetzt sind. Sie gedeihen bei sofortiger und häufiger Belohnung.“

Vor wenigen Tagen bin ich in meinem Unterricht in eine Situation geraten, die mich nachdenklich gemacht hat, ob es diese „Digital Natives“ schon gibt, bzw. in wie weit die Verfügbarkeit der o.g. Medien bereits wirklich zu fundamentalen Unterschieden führt.

Im Englischbuch English G2000 Band A5, mit dem meine Klasse 9 derzeit noch arbeitet, gibt es ein Kapitel „Young and Australian“ und darin einen Text zu „Aussie net pals“. Darin stellen sich verschiedene Jugendliche aus Australien auf ihren „Webseiten“ vor. In einem der Texte heisst es:

When I’m not asleep, I’m always chatting in my two favourite channels, #FunFactory and #MammaJamma.

Bei der Vorbereitung zur Stunde hatte ich mich darauf eingestellt, erklären zu müssen, dass es sich bei #FunFactory und #MammaJamma nicht um Twitter-Hashtags handelt, sondern um IRC-Channel-Bezeichnungen, unser Englischbuch ist halt schon ein bisschen älter, an Twitter hat 2001 noch keiner gedacht und dass die SuS von heute mit IRC wohl nichts mehr würden anfangen können, war mir klar. (Übrigens genau so wenig wie mit dem Netscape Navigator, den Cornelsen als Hintergrundbild für diese Buchseite gewählt hat ;-))

Aber es kam alles ganz anders als erwartet – die SuS hatten, wie erwartet, keine Ahnung, dass die Raute vor den Wörtern für IRC-Channel-Bezeichnungen steht, es kam aber auch keinerlei Kommentar hinsichtlich Twitters. Also habe ich mal nachgefragt und dabei festgestellt, dass genau eine meiner Schülerinnen einen Twitteraccount besitzt. Sie erklärte die Hashtags dann so:

Da kann man so Links irgendwie mit machen, keine Ahnung was das soll.

Mhmm. Eingeborensein ins digitale Dorf hatte ich mir dann doch irgendwie anders vorgestellt. Zumal ich ja schon zu Zeiten, als ich noch einen Lehrauftrag an der Universität hatte, in meinen Seminaren mit dem wunderbaren Titel „Digital ist besser?!“ propagiert hatte, dass die SuS, die wir als Lehrer später unterrichten würden, uns in der Mediennutzung weit voraus sein würden und dass es deshalb hochgradig sinnvoll sei, sich schon als Student, lange vor dem Referendariat, mit den digitalen Medien auseinanderzusetzen. Zu dieser Kernaussage stehe ich übrigens heute noch immer, vielleicht sogar noch mehr – aber die Gründe dafür haben sich ein wenig verändert: Ich persönlich kann mir meinen täglichen Workflow als Lehrer ohne Officeprogramme, Scanner, Hörbeispiele als AAC etc. überhaupt gar nicht vorstellen.

Stand der Dinge

Also nahm ich diese Episode zum Anlass, mal einen kleinen Exkurs zu machen und im Englischunterricht über die Mediennutzung meiner Klasse zu sprechen. Was kam dabei heraus?

Bei Facebook sind fast alle meiner Schüler – dort chatten sie und gucken Fotos an, ausserdem spielen sie. ICQ kennen sie auch, sie nutzen es zum Chatten oder zum Austausch von MP3-Dateien. Ein Blog hat nur eine Schülerin, dort schreibt sie aber nicht besonders regelmäßig. Ansonsten nutzen die Schüler den PC nach eigenen Angaben vornehmlich zum Spielen – genau so wie ihre Smartphones (es laufen viele Schüler bei uns mit iPhones und HTC-Geräten durch die Gegend).

Dieses Ergebnis ist wahrscheinlich nicht repräsentativ – in meiner Klasse sind derzeit 25 SuS, wir haben ein sehr ländliches Einzugsgebiet, in Großstädten mag das wohl anders aussehen.

Nicht digital – früher ist/war alles besser?

Doch wo ist der Unterschied zu meiner Jugend? Wir hatten zwar kein Internet, doch wir hatten auch Computer. Zunächst den Sinclair ZX81, auf dem wir BASIC-Listings abgetippt haben. Danach den C64, auf dem wir PEEKs und POKEs abgetippt haben und – natürlich – gespielt, gespielt, gespielt. Dann kamen die ersten Personal Computer, zunächst DOS, dann Windows. Wir haben in QuickBASIC und TurboPASCAL programmiert, nebenbei natürlich gespielt und – da man da irgendwie drangekommen war – versucht in AutoCAD irgendwas zu zeichnen.

Wir konnten damals nicht chatten und nicht durch die Onlinewelt streifen. Zwar hatte ich irgendwann ein Modem und habe mich sogar im FIDO-Net in irgendeine „Box“ eingewählt, viel zu sehen gab es damals da aber als Neuling nicht, ausserdem waren die Telefongebühren ja auch zu teuer.

Wenn ich meine damalige Mediennutzung mit der der heutigen SuS vergleiche, scheint mir, dass es eine Veränderung gegeben hat: Heute ist sehr viel weniger „Selbermachen“ angesagt. Muss man ja auch irgendwie nicht mehr.

Aber ist das das digitale Eingeborensein? „Daddeln“, wie die Schüler es nennen? Dann bin ich auch ein Digital Native, denn „gedaddelt“ haben wir damals auch schon.

Facharbeiten – Hilfe, ich muss was tippen

Vor einigen Wochen mussten die Schüler unserer Stufe 12 ihre Facharbeiten einreichen. Wenn ich mir solche Arbeiten ansehe, wird immer wieder sehr schnell deutlich, dass unsere Schüler nicht mit einem Textverarbeitungsprogramm umgehen können. Fußnoten werden von Hand gesetzt, ebenso Inhaltsverzeichnisse, Internetadressen im Quellenverzeichnis sind in 98,5% aller abgegebenen Arbeiten blau oder lila eingefärbt und unterstrichen, in kaum einer Arbeit sieht man Bilder in den Fließtext eingearbeitet, gerne werden Fotos als Papierabzüge eingeklebt, die Liste mangelhafter Formatierungen ließe sich lange fortsetzen. Wohl gemerkt – Schüler in der 12 gehen ca. 18 Monate später studieren und sollen dort wissenschaftliche Hausarbeiten verfassen.

Ich bin mir sicher, dass die SuS, die diese Arbeiten einreichen, viel Zeit vor dem Computer verbringen und wahrscheinlich in einer Woche mehr SMS schreiben als ich in einem Monat. Was bedeutet jetzt also „Digital Native“? Es scheint nicht zu bedeuten, dass man mit dem Medium produktiv umgehen kann. Hier müssen wir als Lehrer den digitalen Eingeborenen offensichtlich noch viel mehr unter die Arme greifen, als wir das bisher mit „IB“ in der 6 und „Informatik Differenzierung“ in der 8 und 9 so tun.

Offene Fragen

Für mich bleiben viele Fragen offen – reicht es, dass unsere Schüler alle einen PC zu Hause und ein Smartphone in der Tasche haben, um sie als „digital Natives“ zu bezeichnen? Sollte und darf man erwarten, dass SuS, die mit der Maus und Windows und dem Internet und dem Handy und der Mobilflatrate groß geworden sind, auch produktiv mit diesem Medium umgehen? Oder ist das zu viel verlangt?

Ich habe mich längst von der romantisierten Vorstellung verabschiedet, dass es schön wäre, wenn SuS nicht nur Windows bedienen könnten, sondern wenn sie auch mal DOS gesehen hätten und eine Idee davon bekämen, wo und wie die Festplatte im Computer angeschlossen ist. Das muss man heute vielleicht wirklich nicht mehr wissen. Ich weiß auch nicht, wie mein Auto GENAU funktioniert, aber ich fahre jeden Tag damit. Ich weiß, dass ich ab und zu mal tanken fahren muss, dass das Gerät prinzipiell eine Tötungsmaschine sein kann und dass es neben Diesel auch Öl und hier und dort ein bisschen Wasser braucht. Ich könnte aber nichts daran selber reparieren – brauche ich auch nicht zu können, dafür gibt es genügend Firmen, die Menschen beschäftigen, die das gelernt haben und die ich gerne dafür bezahle.

Doch irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass unsere „Digital Natives“ vor allem „Digital Consumers“ und kaum „Digital Producers“ sind. Und da bin ich ganz ehrlich: Ich empfinde das nicht als angenehmes Gefühl. Tief in mir drin möchte ich gerne, dass die kommende Generation den Computer nicht als reines Spaßmedium und das iPhone nicht als Spielekonsole begreift, sondern als Geräte, mit denen man (mobil) etwas Neues erschaffen kann. Als Werkzeug. Oder „Tool“, wie man heute wohl sagen muss.

Reicht das Fach „informationelle Grundbildung“ (Klasse 6, Einführung in Grundlagen der Informatik), das ich bei uns auch unterrichte, da aus? Reicht es, im Musikunterricht regelmäßig Notations-, Sequencer- und Videoschnittsoftware einzusetzen? Ist es zielführend, den Unterricht durch die Nutzung von moodle digital und online zu unterstützen? Ist es gut, dass meine SuS von mir keine am Kopierer zusammengeklebten Arbeitsblätter bekommen, sondern am Rechner entworfene?

Oder hänge ich nach wie vor einem zu romantisierten Bild der Computernutzung dieser Generation(en), die mir da jeden Tag gegenübersitzen nach? Was soll „digitales Eingeborensein“ für unsere Kinder bedeuten? Ich bin da ganz ehrlich – ich kann es (momentan) nicht sagen.