Schule, quo vadis?

Schule verändert sich rasant. Sind alle Reformen zum besten der Schule? Welche Schule wollen wir im 21. Jahrhundert eigentlich haben? Sind wir uns da irgendwie einig?

Musikraum2

Schule, quo vadis?

Die letzten Tage haben mich nachdenklich gestimmt. Der Blogeintrag zum Sitzenbleiben hat viele Kommentare bekommen. Ich meine, wahrzunehmen, dass Lehrer, die aktiv unterrichten, dem Sitzenbleiben tendenziell eher etwas abgewinnen können, vielleicht weil es realistisch ist, dass man im Leben auch einmal scheitern kann (wobei Sitzenbleiben ja an und für sich ein Instrument ist, wirkliches Scheitern zu verhindern) während Kommentatoren, von denen ich nicht genau weiß, ob sie aktiv als Lehrer arbeiten/gearbeitet haben, das Sitzenbleiben eher ablehnen. Die Hattie-Studie wird herangezogen, um Sitzenbleiben empirisch belegt als effektlos zu bezeichnen, also ein neues Schulsystem zu fordern. Die gleiche Studie wird benutzt, um Frontalunterricht zu rechtfertigen, also neue Unterrichtsformen als ungeeignet zu entlarven. Wenn ich mit ehemaligen Sitzenbleibern spreche (sogar einer meiner Kollegen ist “pappen geblieben”), so haben sie das gar nicht als schlimm empfunden, sie meinen sogar, es habe sie voran gebracht. Die Gesellschaft scheint das aber anders zu sehen und die Hattie-Studie anderes zu belegen. Gleichzeitig sagt mein bester Freund Mischl, seines Zeichens Schulmusiker, Haupt- und Grundschullehrer und Fachleiter für Musik, dass wir Gymnasiallehrer ja endlich mal von unserem hohen Roß herabsteigen müssen und anfangen müssen, Inklusion, Individualisierung, Förderung und Forderung ernst zu nehmen. Darzulegen, ob und wie wir das bereits tun, würde diesen Beitrag sprengen, zumal es ja sowieso nicht “die Gymnasien” gibt und damit natürlich (oder leider?) auch nicht “das Inklusions-Förder-Forder-Individualisierungskonzept der Gymnasien”. Sitzenbleiben ist demnach tatsächlich nur die Spitze der Spitze des Eisbergs. Eigentlich geht es um etwas anderes, größeres, grundlegenderes.

Während der Zukunftswerkstatt, die die letzten beiden Tage an meiner Schule durchgeführt wurde, wünschen sich Schüler, dass endlich wieder mehr für die getan wird, die etwas können. Sie nehmen unsere Schule derzeit so wahr, dass Könner nicht gefordert sondern nur Nicht-Könner gefördert werden. Ob das wirklich so ist, sei dahingestellt, was zählt ist, dass die guten und leistungsfähigen Schüler es ganz offensichtlich so wahrnehmen. Für Mischl ist das der Beweis, dass die Gymnasien Fördern und Fordern nicht verstanden haben. Hätten wir das, dann wären die Fähigen nicht unterfordert.

Schule verändert sich derzeit. Scheinbar ist der alte Weg nicht erfolgversprechend. Der neue scheint es aber auch (derzeit? noch?) nicht zu sein.

Wo soll Schule also hin? Was soll Schule im 21. Jahrhundert leisten? Sollen wir unterschiedliche Bildungsabschlüsse anbieten? Oder soll es zukünftig nur noch einen Schulabschluss geben? Sollen alle Kinder im Alter von X Jahren beginnen, eine Schule zu besuchen, in der sie, ja, bis wann eigentlich, bleiben? Wollen wir davon ausgehen, dass es unterschiedlich begabte SuS gibt und dass es daher auch unterschiedliche Abschlüsse gibt? Oder soll jeder Mensch so lange hier gefördert und dort gefordert werden, bis alle den Einheitsabschluss erhalten? Wenn jeder Schüler als Individuum gesehen werden soll, wer entscheidet, was für den einen Schüler gut ist und was nicht? Wer entscheidet, ob der dicke Dorok in Sport gefördert werden muss oder ob man ihn besser erst gar nicht den Sportkurs besuchen lässt, weil er das nach seinem Abschluss nicht mehr brauchen wird? Wie soll Abschluss überhaupt noch definiert werden? Wollen wir noch Unterrichtsziele definieren, die man erreichen oder eben nicht erreichen kann? Oder soll es einfach eine Mindestverweildauer in der Schule geben, während derer man ausschließlich Neigungskurse belegt, deren Belegung am Ende attestiert wird? Könnte man sich damit dann bewerben? Wie würde ein potentieller Arbeitgeber entscheiden, wen er einstellt? Sollen wir noch eine Art Bildungsbegriff vorhalten und festlegen, dass junge Menschen in Bio, Chemie, Physik, Mathe, Sport, Kunst, Musik, Englisch, Deutsch etc. eine Art grundlegendes Wissen erlangen sollen? Oder wollen wir das abschaffen und zukünftig das Individuum so in den Mittelpunkt stellen, dass dicke Menschen wie ich halt einfach kein Sport belegen müssen?

Ein Kommentator schrieb beim Sitzenbleibenartikel, dass es “viele, sehr viele Alternativen zum Schulsystem” gäbe. Ich würde gerne wissen, wie ihr euch diese Alternativen vorstellt?