Sitzenbleiben abschaffen!?

· Schule

[Dieser Artikel war ursprünglich als Kommentar zu Frau Wehs Blogeintrag Sitzenbleiben gedacht, wurde dann aber so lang, dass es mir sinnvoller erschien, daraus einen eigenen Blogbeitrag zu machen.]
Das Thema „Sitzenbleiben“ oder eben „nicht mehr Sitzenbleiben“ ist derzeit in aller Munde. Eine Auswahl an Artikeln zum Thema:
Der allzu menschliche Ansatz, keinem Kind das Sitzenbleiben „zuzumuten“, ist natürlich ehrenhaft. Und wenn das Abschaffen des Sitzenbleibens dann auch noch Geld spart, na dann ist doch alles gut. Wir wollen ja niemandem weh tun, nicht wahr? Und Geld einsparen ist doch immer eine gute Sache. Doch so einfach ist die Gesamtlage meiner Meinung nach dann doch nicht:
Es ist ja mitnichten so, dass SuS sitzen bleiben, die in Mathe und Deutsch 5, sonst aber überall zwei und eins stehen. Solche Schüler könnten vielleicht wirklich mit Förderkursen punktuelle Defizite aufarbeiten (wobei da zu klären wäre, wer die macht, wann und wo die stattfinden und wer die bezahlt, die die machen. Das kostet dann nämlich auch Zeit. Und Lehrerstellen. Und damit wieder Geld ;-)), wie es die Piraten in NRW zum Beispiel mit Ihrem System der fließenden Schullaufbahn überlegen. (Und ich bin WAHRLICH kein Freund der Piraten. Ganz im Gegenteil. Aber das wisst ihr ja.)

Natürlich stellt sich aber auch bei der fließenden Schulbahn der Piraten die Frage: Was macht eigentlich der Schüler, der 8 von 10 Kursen abgeschlossen hat, aber das Ziel der Kurse 9 und 10 einfach nicht erreicht? Doch noch gibt es die fließende Schullaufbahn nicht, bleiben wir also in der Realität:

(Der folgende Abschnitt war im Originalartikel missverständlich formuliert. Ich hoffe, dass ich das nun deutlicher gemacht habe:) In der Realität bleiben am Gymnasium (in NRW, in anderen Bundesländern mag das anders aussehen) Schüler sitzen, die entweder in zwei Nebenfächern eine 5 und für keines der Fächer einen Ausgleich (=mindestens 3) haben.  Oder man hat eine 5 im Hauptfach und in keinem anderen Hauptfach einen Ausgleich (=mindestens 3). De facto steht man also beispielsweise in Deutsch 5 und in Englisch, Französisch und Mathe dann auch nur 4. Oder man steht in Physik und Politik 5 und kann keine der 5en mit einer Leistung im 3er Bereich im entsprechenden Fächerbereich ausgleichen. Siehe dazu die APO SI, besonders Paragraph 26 (ich unterrichte am Gymnasium). In beiden Fällen ist klar: Neben der 5 stehen immer auch Leistungen nur im 4er Bereich in anderen Fächern, wenn es zum Sitzenbleiben kommt.
Den sitzenbleibenden Schüler mit lediglich punktuellen Defiziten, die höchstwahrscheinlich in Förderkursen ausgeglichen werden könnten und ansonsten durchweg guten Leistungen gibt es so in dieser Form also gar nicht. Er gehört ins Reich der Legende. Zwar gibt es Schüler mit punktuellen Schwächen (die so genannnte „Zementfünf“ in Fach X), aber damit bleibt man ja eben gar nicht sitzen.
Sehr wohl gibt es aber, neben Einzelfällen (lange Krankheit, persönliche Schicksalsschläge), die den normalen Lernfluss ins Stocken bringen und die Wiederholung eines Schuljahres bedingen, den an seiner Schulform völlig überforderten Schüler, der eigentlich glücklicher wäre, wenn er kein Abi machen müsste, der aber auf Teufel-komm-raus zum Abi durchgeschleust werden soll. Weil der Elternwille beim Schulwechsel so viel mehr zählt als die Einschätzung der Lehrer, die das Kind zwar vier Jahre beim Lernen in Klassenstrukturen begleitet haben, die aber eigentlich sowieso alle nichts können und Schülern grundsätzlich zunächst einmal bös wollen. Und weil wir gesellschaftlich soweit gekommen sind, dass wir einen Hauptschulabschluss nicht mehr als „gültigen“ Abschluss anerkennen, sondern als Strafe. Weil wir auch für Handwerker inzwischen das Abitur einfordern.

Also bekommt jeder jetzt ein Abitur: Zwar mit verkürzter Lernzeit durch G8 (wobei, an den Gesamtschulen hat es ja mehr Zeit. Ob die hohen Anmeldezahlen dort auch damit zu tun haben könnten? Oder liegt es tatsächlich nur am Wunsch nach gemeinsamem Lernen von Schülern unterschiedlicher Leistungsstärken?), dafür aber mit Förderkusen am Gymnasium in den Hauptfächern schon ab der Klasse 5.

Mit Eltern, die, damit der Sprössling das Abi auch schafft, selbst schon überfordert sind mit der Hilfe, die sie ihm angedeihen lassen müssen, mit Klassenarbeitsbewertungsrastern, die schwerlich eine schlechtere Note als 4 ermöglichen.
Und natürlich mit Lernstandserhebungen, die im Fach Englisch eine Antwort auch dann als richtig anerkennen, wenn trotz orthografischer und grammatischer Fehler erkennbar ist, was gemeint gewesen ist:

Herr Dorok, Sie haben beim Einparken zwar die beiden nebenstehenden Autos touchiert und stehen nur halb in der Lücke, aber es war erkennbar, dass Sie einparken wollten und nur um die Einparkkompetenz, nicht jedoch um die Auto-Nicht-Berühr-Kompetenz ging es uns heute – hier ist Ihr Führerschein!

Demnächst funktioniert Schule dann auch ohne die Gefahr des Sitzenbleibens und ganz bald sicher auch mit garantierter Mindestabschlussnote von 1,2 oder besser.

Schade, dass wir unser Bildungssystem durch falsch verstandenes Gutmenschentum stetig und ständig weiter in den Schlamm fahren, anstatt darüber nachzudenken, was wir eigentlich unter Bildung verstehen. Müssen wirklich dreiviertel aller jungen Menschen eines Jahrgangs eine allgemeine Hochschulreife ablegen? Sind Grundschulen dann besser, wenn sie möglichst viele Gymnasialempfehlungen aussprechen?

Warum tun wir denn so, als ob jedes Kind ein intellektueller Überflieger wäre oder sein müsste? Warum wollen wir nicht (mehr?) akzeptieren, dass es Menschen gibt, die handwerklich begabt sind (ich kann kein Haus bauen und bin sehr froh, dass das Menschen für mich übernommen haben) und Menschen, die sich in Fachbücher vertiefen und in Fachdiskussionen verstricken können?

Per Definition ist das Abitur der höchste in Deutschland zu erreichende Schulabschluss. Kann es wirklich sein, dass 75 oder mehr Prozent eines (Schüler-) Jahrgangs das Zeug dazu haben, diesen höchsten Schulabschluss zu erlangen? Wäre es nicht sinnvoller, dafür zu sorgen, dass Haupt- und Realschulabschlüsse gestärkt werden, dass die entsprechenden Abschlüsse wieder zu entsprechenden Lehr- und Ausbildungsverträgen führen und dass unsere Gesellschaft endlich sagt: Wir brauchen Müllmänner. Und Schreiner. Und Maler. Und Verkäufer. Und Straßenkehrer. Und Hausmeister. Und, und, und. Und all diese Menschen brauchen kein Abitur. Deshalb müssen wir auch nicht jeden zum Abitur hinfördern. Deshalb brauchen wir GUTE Hauptschulen und GUTE Realschulen. Dann werden wir auch wieder Gymnasien haben, die nicht vor lauter Förderangeboten den ganz normalen Unterricht aus den Augen verlieren. Und Eltern, die nachmittags mit ihren Kindern etwas unternehmen können, anstatt sie in Englisch, Deutsch und Mathe privat (über-?)fördern zu müssen…

[Übrigens: In den 70ern lag die Sitzenbleiberquote noch bei 7%, 2007 waren es nur noch 3%, im letzten Jahr nur noch 1,5%. Wir schaffen das Sitzenbleiben schon längst ab. Wir haben es bloß noch nicht gemerkt. Die Durchfallquote bei der Führerscheinprüfung liegt bei ca. 25%. Was machen wir da? Sollten wir zusätzliche Förderkurse einrichten? Oder einfach jedem den Führerschein geben und Wiederholungskurse abschaffen? Ich bin unsicher…]

Nachtrag:

Diesen Blogartikel hätte ich mir sparen können. Harald Martenstein hat im Tagesspiegel bereits alle wichtigen Fragen gefragt.